Genialer Gangster mit menschlichem Gesicht

„The General“ – John Boorman über sein Porträt des irischen Gangsters Martin Cahill

Er hat einst Klassiker wie „Point Blank“ oder „Excalibur“ gedreht. Mit dem „Smaragdwald“ inszenierte John Boorman vor 14 Jahren eines der ersten Öko-Dramen. Dann wurde es ruhig um den Briten, sein Polit-Epos „Rangoon“ geriet zum großen Flop. Doch nun gelingt Boorman mit „The General“ ein furioses Comeback. Erzählt wird die wahre Geschichte des irischen Ganoven Martin Cahill. SUBWAY sprach mit dem Regisseur.

Wie kamen Sie dazu, die Lebensgeschichte des irischen Superganoven Cahill zu verfilmen?

„Die Figur hat mich seit langem fasziniert. Ein Film über ihn war jedoch erst möglich, nachdem Martin Cahill tot war. Denn für die Verbrechen, die wir zeigen, wurde er nie rechtskräftig verurteilt. Cahill war ein irischer Archetypus. Ein störrischer Rebell, der durchaus gewalttätig und brutal sein konnte. Der IRA-Gründer Michael Collins war ein ähnlicher Charakter. Ebenso die keltischen Clanführer. Oder die irischen Mafia-Bosse in Chicago. Bei allen gibt es einen Zug von Selbstzerstörung, eine Art Todeswunsch. Weil Cahill sich mit jeder gesellschaftlichen Gruppe anlegte, ist der Film eine Art Momentaufnahme von Irland. Das Land befindet sich im Wandel: traditionelle Werte fallen, der Einfluß der Kirche schwindet, der Einfluß von Europa wird stärker. Auch was politische Korruption betrifft.“

Wie problematisch ist es, aus dem Verbrecher einen Sympathieträger zu machen?

„Viele Zuschauer werden hoffentlich verunsichert sein: zum einen wollte ich den Helden als sympathisch zeigen, gleichzeitig wird man von vielen seiner Aktionen angewidert sein. Statt ihn zu dämonisieren oder zu romantisieren, wollte ich diesem Ganoven ein menschliches Gesicht geben. Wir erzählen die Geschichte aus seiner Sicht, deshalb identifiziert man sich sehr leicht mit ihm. In gewisser Weise wird der Zuschauer zu seinem Komplizen. Ein hochrangiger Polizist sagte mir vor den Dreharbeiten: gemeinhin glaubt man, Kriminelle wären andere Menschen als wir – das ist ein Irrtum. Dieser Satz ist mir stark in Erinnerung geblieben.“

Gibt es den Polizisten und Cahill-Gegenspieler in der Realität?

„Die Figur ist eine Mischung aus zwei, drei realen Polizisten, die Cahill verfolgt haben. Da sie alle noch leben, war es aus rechtlichen Gründen notwendig, im Film eine fiktive Figur daraus zu machen. Cahill war immer erpicht darauf, einen gleichwertigen Gegner bei der Polizei zu haben.“

Ihr Film kommt in schwarzweiß in die Kinos, gedreht haben Sie jedoch in Farbe. Wieso das?

„Schwarzweiß ist die klassische Farbe des Gangstergenres. Damit wollte ich dem Zuschauer gleich eine erste Orientierung geben. Daß wir in Farbe gedreht haben, hat allein technische Gründe: Schwarzweiß-Material ist dem Farbfilm heute weitaus unterlegen, die Auflösung ist sehr viel schlechter. Ausgeleuchtet haben wir die Szenen allerdings allesamt so, als würden wir schwarzweiß drehen. Das hat den kuriosen Effekt, daß die Farbversion geradezu grauenhaft fahl aussieht.“

Bei den raffinierten Raubzügen verzichten Sie auf Details à la „Der große Postraub“. Alles scheint märchenhaft und einfach abzulaufen...

„Beide Überfälle waren brillant geplant. Tatsächlich halte ich mich bei der Darstellung an die realen Fakten. Gerade weil alles so genial geplant und ausgeführt wurde, gab es überhaupt keine Hindernisse oder Probleme. Wobei mir die Konsequenzen aus diesen Überfälle schon wichtiger waren als deren minutiöser Ablauf. Der Juweleneinbruch allein wäre schon Stoff für einen eigenen Film. Doch ich wollte keinen Krimi drehen, sondern eine Charakterstudie.“

Wie es scheint, hatte Cahill mit seiner Frau und deren Schwester jeweils ein Kind...

„Einer wie er macht seine eigenen Gesetze und setzt sich einfach über die Monogamie hinweg. Die konventionelle Moral hat Cahill nicht interessiert. In Wirklichkeit hatte er noch eine Beziehung zur dritten Schwester – doch das darzustellen, habe ich nicht gewagt. Das wäre weitaus zu kompliziert geworden.“

Wieso ist das kleine Irland ein derart kreatives Filmland ?

„In Irland entstehen nicht nur viele Filme, sondern noch mehr Bühnenstücke. Das hat sicher mit dieser Tradition des Rebellierens zu tun: ein Kampf gegen die britische Kolonialisierung und gegen die enorme Macht der Kirche. Nach dem der Einfluß dieser beiden Besatzungsmächte immer mehr schwindet, verschwindet auch der Feind. Es entsteht eine Art Vakuum und damit eine Identitätskrise, denn nun fehlt jene Gemeinsamkeit, die einen früher im Widerstand vereint hatte.“

In Hollywood haben Sie einst Meisterwerke gedreht, lockt Sie die Traumfabrik nicht mehr?

„Früher hatten in Hollywood die Regisseure das Sagen. Heute hat sich das geändert, nun geben die Stars und Produzenten den Ton an. Zudem haben die großen Superproduktionen einen verheerenden Effekt auf das unabhängige Kino. Das extreme Beispiel war „Titanic“, ein Film der allein durch die enorme Anzahl der Kopien und der massiven Werbung viele andere schlicht zerstört hat. Unter diesen Umständen kann ich mir kaum vorstellen, wieder in Hollywood zu drehen.“

Mit dem „Smaragdwald“ haben Sie vor 15 Jahren eines der ersten Öko-Dramen inszeniert. Am Abholzen des Regenwalds hat sich nicht viel geändert – enttäuscht?

„Immerhin hat sich für mich persönlich etwas geändert: nach diesem Film habe ich 15000 Bäume auf meinem Grundstück in Irland gepflanzt.“

Interview: Dieter Oßwald
Foto: Arthaus
John Boorman

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