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Er kann nicht fliegen, und zum Glück hat er sich auch noch nie wünschen müssen, es zu können. Der 36jährige Franzose Alain Robert hat sich sein bizarrstes Hobby zum Beruf gemacht. Vielleicht sollte man aber lieber von Berufung sprechen, denn der biegsame Kletterer ist schon seit seiner Kindheit von dem Gedanken besessen, zu klettern. Warum es aber nicht dabei blieb, auf normale Berge zu steigen, bleibt wohl ein Rätsel. Hochhäuser sind für ihn die Gebirge der Zivilisation – und der französische Revoluzzer der Neuzeit zwingt sie alle in die Knie. SUBWAY sprach mit Alain Robert – nicht an den Pfeilern der „Golden Gate Bridge“, sondern ganz gemütlich in einem Hotelzimmer in Berlin – über seine senkrechte Leidenschaft, die er nun auch in dem Buch „Mit nackten Händen“ (Ullstein) veröffentlicht hat.
Was ist der besondere Kick, den Du beim Klettern an Hochhäusern bekommst?
„Es ist der gleiche Kick, den man bekommt, wenn man im Gebirge klettert. Mediale Aufmerksamkeit erreicht man aber erst, wenn man sky-surft oder eben auf Wolkenkratzer steigt.“
Da ist also kein Unterschied zwischen einem Berg und dem „Empire State Building“?
„Doch natürlich, aber wenn man in der Stadt klettert, hat es den Charakter eines Abenteuers, bei dem man auch Angst hat, erwischt zu werden oder abzustürzen. Das wichtigste ist, daß man fit im Kopf ist, weil man ohne Sicherung klettert. Körperlich fit sein kann jeder, aber niemand kann einem beibringen, auch mental stark zu sein.“
Hast Du schon mal vor ’nem Gebäude gestanden und gedacht: „Nein, da geh’ ich nicht rauf!“?
„Na klar, denn Bilder lügen. Man muß schon davor stehen und sich alles mal mit dem Fernglas anschauen oder es einfach berühren. Besonders bei ganz hohen Gebäuden muß man aufpassen und am besten mal mit einem Helikopter drüberfliegen. Denn es ist schon ziemlich dumm, wenn man 100 Meter geklettert ist und dann feststellt, daß die letzten zehn Meter gar nicht zu klettern sind.“
Welche Gebäude stehen als nächstes an?
„Ich möchte gerne „La défence“ in Paris, den „Twin Tower“ in New York und den „Sears Tower“ in Chicago bezwingen. Ich war im Januar gerade in Montreal vor Gericht. Diese Gelegenheit habe ich genutzt, um anschließend mal in New York und Chicago vorbeizuschauen, wo ich mir neue Klettermöglichkeiten angeschaut habe. Vor fünf Jahren habe ich in Chicago die „City Bank“ bestiegen. Damals war es für mich undenkbar, den „Sears Tower“ zu erklettern. Jetzt bin ich schon so viele Wolkenkratzer hochgeklettert, daß ich mich nun auch an diesen wage.“
Wie hoch darf das Risiko bei einem Kletterakt für Dich sein?
„Das Risiko ist immer enorm, denn ich klettere ja völlig ungesichert und muß mich voll auf meine Hände und Füße verlassen. Risiken ergeben sich vor Ort, denn bestimmte Dinge sind nicht vollständig vorhersehbar. Wenn etwas schiefgeht, ist es egal, ob ich von einem Wolkenkratzer oder von einem Berg abschmiere. Ich steige auch nicht um jeden Preis irgendwo rauf, denn wenn ich merke, es geht nicht, klettere ich auch wieder runter. Ich kann also auch sehr vernünftig sein – aber wenn ich irgendwo rauf will, gehe ich auch. Nur manchmal dauert es halt etwas länger. Das Ganze ist also keine Adrenalin-Sucht, sondern einfach nur das Bezwingen meiner Ängste.“
Im August wirst Du 37 Jahre alt. Was kommt nach den Wolkenkratzern?
„Ich werde in den USA und Kanada Seminare für Geschäftsleute machen. Ich werde ihnen eine Dokumentation zeigen und sie mit meinem Leben vertraut machen. Ich will ihnen zeigen, wie man sich motivieren kann. Man hat mich gefragt, ob ich es machen will, und ich denke, es ist sehr interessant für diese Leute. Und nebenbei verdiene ich damit richtig viel Geld. Da konnte ich einfach nicht ablehnen.“
Wie begegnest Du denn Leuten, die in Dir nur einen verrückten Spinner sehen?
„Viele Leute fahren Auto, trinken Alkohol am Steuer oder fahren zu schnell – die fragt auch keiner, ob sie verrückt sind. Es gibt überall Risiken, und die meisten werden falsch eingeschätzt. Ich kann immer nur sagen, daß ich nicht verrückt bin. Mir soll bloß keiner erklären, was ich tun oder lassen soll.“
Wie sieht denn die rechtliche Seite aus? Wer ist verantwortlich, wenn Dir etwas passiert?
„Eigentlich bade ich alles persönlich aus, denn die Polizei ist immer irgendwie hinter mir her. Besonders in den USA, aber auch in Asien sollte ich besser keinen Schritt mehr ohne Anwalt tun. Hier und da warten bereits Gefängnisstrafen von bis zu einem Jahr Dauer auf mich. Meistens bewege ich mich jedoch in einer Grauzone irgendwo zwischen Legalität und Illegalität.“
Wie reagiert die Polizei auf Deine Aktionen?
„Oft nicht so nett. In Tokio wurde ich sogar mal von einem Polizisten geschlagen, als ich gerade die Spitze eines Gebäudes erreichte. Ich bin dort zu drei Wochen Haft verurteilt worden. Da aber das japanische Fernsehen durch Zufall diesen Vorfall von einem Helikopter aus gefilmt hatte, wurde ich freigelassen.“
Braucht denn die Gesellschaft der 90er Jahre solche Thrills, wie Du sie lieferst?
„Ich glaube, es liegt einfach in der menschlichen Natur, Dinge zu tun, die immer schwieriger und komplizierter werden. Auch das Fernsehen hat seinen Anteil daran – es verkauft Dir einen Traum, und ein kleiner Anteil der Leute, die sich sowas anschauen, verwirklichen ihn auch. So entsteht ein Kreislauf.“
Dein Buch ist unter anderem Deinen Eltern gewidmet, die Dich nie verstanden haben. Was mißfällt Ihnen an Deiner Leidenschaft?
„Sie mögen es nicht, wenn sie ihren Sohn in den Nachrichten sehen müssen, während man ihn gerade mal wieder verhaftet. Sie wissen ja auch, daß das, was ich tue, gefährlich ist, und mehr und mehr komme ich in die Position, daß ich sie verstehe.“
Bist Du so etwas wie der Spiderman für das nächste Jahrhundert?
„Interessante Frage, denn wir stehen tatsächlich gerade in Verbindung mit Marvel-Comics. Es soll wohl einen neuen Spiderman-Film geben – einen richtigen Film, keinen Cartoon. Wenn es klappt, werde ich für die Kletterszenen zur Verfügung stehen. Das ist alles sehr nett, denn schließlich ist Spiderman auch mein Spitzname. Es paßt also alles zusammen.“
Interview: Henning Schmidt Foto: Ullstein
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