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Seine Kinokarriere ist einzigartig: seit drei Jahrzehnten mischt Irwin Winkler im Filmgeschäft mit. Begonnen hat er als Produzent des Elvis Presley-Streifens „Zoff für Zwei“. Inzwischen haben die Winkler-Werke zwölf Oscars samt 45 Nominierungen eingebracht. Als einziger Produzent ist er gleich drei Mal in der Liste der „100 größten Kassenknüller aller Zeiten“ vertreten. Auch künstlerisch kann sich die Bilanz sehen lassen: zu Winkler-Produktionen gehören „Wie ein wilder Stier“, „Goodfellas“ oder „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuß“. Mit dem Politdrama über die McCarthy-Ära „Schuldig bei Verdacht“ gab Winkler vor zehn Jahren sein Regiedebüt. Jetzt präsentiert er mit „Auf den ersten Blick“ die wahre Geschichte eines Blinden (Val Kilmer), der für kurze Zeit das Augenlicht wiedererlangt. Mit dem Regisseur und Produzenten sprach SUBWAY.
Ihre Filme haben 45 Nominierungen für den Academy-Award – wie beschreiben Sie den Oscar einem blinden Menschen?
„Blinde können sich am besten etwas vorstellen, wenn sie es berühren. Ich würde ihnen also auf die Schulter klopfen und dazu sagen: so mußt du dir den Oscar vorstellen.“
Hat sich durch den Film über das Thema Blindheit Ihre eigene Wahrnehmung verändert?
„Durch den Film wurde mir bewußter, daß Menschen mit einer Behinderung sehr wohl in der Lage sind, mit ihrem Schicksal zurechtzukommen. Wir sogenannten Normalen begegnen diesen Leuten oft mit einem Mitleid, das gar nicht angebracht und von ihnen auch nicht erwünscht ist.“
Sie haben „Rocky“ produziert und den US-kritischen Politfilm „Schuldig bei Verdacht“ – wo ist der rote Faden des Irwin Winkler?
„Für mich haben beide das gleiche Thema. Mir geht es immer um die Frage, wie jemand reagiert, wenn er in Situationen gerät, mit denen er überhaupt nicht gerechnet hat und in denen er nun handeln muß. Bei „Rocky“ war es diese unglaubliche Chance für Stallone, zum Helden aufzusteigen – ganz ähnlich übrigens wie die Chance für Val Kilmer in diesem Film. In „Schuldig bei Verdacht“ macht man DeNiro das Angebot, seinen luxuriösen Lebensstil beizubehalten, wenn er seine Freunde als Kommunisten verleumdet. Für mich müssen die Helden eines Films eine Reise durchleben, durch die sie sich verändern, da unterscheidet sich „Rocky“ nicht von „Auf den ersten Blick“.“
„Rocky“ war allerdings einfach gestrickt und wurde prompt zum Megaerfolg...
„Seinen Erfolg kann man dem Film nicht zum Vorwurf machen. „Rocky“ war ein ganz kleines Projekt mit einem unbekannten Schauspieler und einem Drehbuch, das keiner verfilmen wollte. Daß daraus ein Megaknüller wurde, war völlig überraschend. „Rocky“ hatte das Glück, den Zeitgeist zu treffen. Die vier Fortsetzungen waren allesamt Popcorn-Filme, der erste „Rocky“ aber war wahrhaftig.“
Wie wichtig ist Geld für Sie?
„Filme zu drehen, ist ein teures Unternehmen. Man muß die Balance finden zwischen dem künstlerischen Anspruch und einem kommerziellen Potential.“
Wieso haben Sie sich eigentlich so spät dafür entschieden, selbst Regie zu führen?
„Regie hatte mich nie interessiert. Das begann erst bei „Schuldig bei Verdacht“: dort geht es um die Frage von Loyalität und Verrat. Das Thema fand ich persönlich so spannend, daß ich es keinem anderen Regisseur überlassen wollte. Zum Glück hatte mich DeNiro zu meinen Ambitionen sehr ermuntert. Und jetzt habe ich Geschmack an dem Job gefunden.“
Der Film beruht auf einer wahren Geschichte – wie authentisch ist die medizinische Seite der Darstellung?
„Die Szenen, als Val Kilmer das erste Mal sehen kann, haben wir erfunden. Denn niemand kann präzise darstellen, wie die optischen Eindrücke auf jemanden wirken, der zuvor blind war und nun sehen kann. Auch die reale Person, auf der die Rolle beruht, kann sich nicht richtig daran erinnern. Der Arzt, der die Operation im Film durchführt, ist tatsächlich Chefarzt in der New Yorker Augenklinik.“
Wie weit ist die Blindheit eine Metapher?
„Für mich steckt der Film voller Metaphern: es geht darum, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen, welches Image wir von anderen Leuten haben. Und wie wir unangenehme Dinge einfach verdrängen. Ein Beispiel ist die Szene mit den Obdachlosen: Mira Sorvino läuft achtlos an dem Bettler vorbei, nur Val Kilmer macht sich Gedanken um diese Menschen.“
Sie lassen sich Zeit, ihre Figuren zu entwickeln. Ist das ein Luxus, den man sich nur mit einer Machtposition wie der Ihren in Hollywood erlauben kann?
„Einige Leute haben mir vorgeworfen, ich würde mir zuviel Zeit dabei lassen und der Film wäre zu lang. Nach den Testvorführungen hatten wir die Szenen mit dem Vater stark gekürzt. Der Film hätte auch so funktioniert. Aber mir waren diese Sequenzen wichtig. Das Studio hat dann nur gesagt „Mach was du willst, das ist deine Entscheidung“. Ich habe den „final cut“; den habe ich seit 25 Jahren als Produzent. Und den habe ich automatisch auch als Regisseur.“
Interview: Dieter Oßwald Foto: UIP
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