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Penner, Huren, Spieler, verräucherte Pinten und krähende Hähne. Der Mief von Mist und Heu. Das ist die Atmosphäre, das Milieu, das den rastlosen Tom Waits geradezu kreativ beflügelt und seit nahezu 25 Jahren für Furore im Musikbusiness sorgt. Schon 1983 vermischte Waits mit seinem Album „Swordfishtrombones” alle gängigen Musikstile, experimentierte mit einer stark verfremdeten Stimme. Dieser „Tin-Pan-Alley-Style” öffnete ihm ein breites Spektrum kreativer Möglichkeiten: Innovative Aufnahmetechniken, experimentelle Soundverschmelzungen betten sich in archetypisch-akustisch aufbereitete Klanglandschaften. Waits, der schon für Francis Ford Coppola („Bram Stoker’s Dracula”) oder für Jim Jarmush („Down by Law”) vor der Kamera stand, feierte darüberhinaus auch große Erfolge als Mime in der Produktion „Frank’s Wild Years” in Chicago, vertonte William S. Burroughs „The Black Rider“. SUBWAY sprach mit dem multimedialen Allroundgenie über seinen neuesten musikalischen Streich, das archaisch klingende „Mule Variations” (das kürzlich bis auf Platz 4 der deutschen Albumcharts stieg!). Gleichsam eine Mischung aus Natur und Verfall, jedoch weit entfernt von jeglicher Wald- und Wiesen-Idylle. Denn Songs, meint der exzentrische Mann mit der Reibeisenstimme, sind „wie kleine surreale Schatzkisten voller Gefühle“.
Bist Du Dir sicher, daß Deine Musik auch im Land der aufgehenden Sonne populär ist?
„Ich beobachte mich selbst im Hafen, wie ich gerade ein Hochspannungsseil zerreiße, mir Autos schnappe und wie Godzilla ganz Tokyo einebne. Es gibt halt Leute, die sind nur wahnsinnig populär im Land der aufgehenden Sonne. So als ob Du zum Mars fliegst. Das ist dort alles so eine Art riesige Mülldeponie für Unterhaltung.“
Der Anfang von „Big in Japan” ist ein eher ungewöhnlicher Album-Auftakt?
„Ich war in einem Hotel in Mexiko und hatte nur ein kleines portables Bandgerät dabei. Ich schaltete es ein, begann zu schreien, schlug es auf eine Kommode, bis mir der Sound gefiel, und irgendwann hörte es sich dann wie bei einer echten Band an.“
Du hast nicht alle „Mule Variations”-Songs selbst geschrieben?
Von sechzehn Songs auf der Platte, schrieb ich elf mit meiner Frau Kathleen. Seit „Swordfish” arbeiten wir zusammen. Ich suche die Rezepte aus, sie ist der Koch. Sie sagt immer: „Bring die Zutaten nach Hause, ich füge alles so zusammen, daß es schmeckt.” Wir schärfen einander wie Messer. Sie hat eine furchtlose Vorstellungskraft, schreibt unsere Lyrics wie Träume – gibt dem ganzen erst Herz und Charakter.”
Was hat Dich nach sechs Jahren wieder zurück ins Studio getrieben?
„Ich konnte die alten Texte einfach nicht mehr hören. Etwas Neues entsteht, weil etwas Altes geht. Meistens beginnt alles mit irgendetwas Lustigem. Zusammen mit hunderten von anderen Ideen beflügelt das meine Sinne. Ich lasse mich einfach von diesem kreativen Gedankenfluß inspirieren und überschwemmen. Wenn wir anfangen, Songs zu schreiben, bauen wir einen Damm und versuchen so, Brauchbares herauszufischen. Das ist diese gute alte Schmetterlingsnetz-Theorie.“
Wie sieht’s denn in Deinem Studio aus?
„Ich nenne es „Prairie Sun” und es liegt auf einer Hühner-Ranch draußen in der Kalifornischen Provinz. Was schön daran sein soll? Du kannst während deiner Takes draußen vor der Tür pinkeln. Ein wichtiger Grund für mich, dort zu arbeiten.“
Ist der Gockel bei „Chocolate Jesus” ein Überbleibsel aus der Zeit, als das Studio noch ein Hühnerstall war?
„Das ist immer noch ein Stall. Wenn wir durch die Tür traten, und das haben wir in diesem Song getan, befanden wir uns direkt auf der Einfahrt. Wir haben dann spezielle Richtmikrophone, die aussehen wie ein Gewehr, für die Außenaufnahmen benutzt. Mein Toningenieur hat diese Biester auf dem Flohmarkt erstanden und es ist geradezu erstaunlich, wie Du damit Geräusche wie das Krähen irgendwelcher Hühner, das Bellen von Hunden oder die Motorengeräusche von Lastwagen und Flugzeugen klanglich in deine Songs integrieren kannst.“
Wer ist eigentlich „Chocolate Jesus”?
„(lacht). Mein Schwiegervater wollte mich zu seinem Geschäftspartner machen. Ich sollte den Leuten so kleine Umhänger, wie Kreuze, verkaufen, damit Du immer gebührend deinem Glauben frönen kannst, auch wenn Du einmal keine Zeit hast, weil Du gerade im Auto sitzt. Diese kleinen Dinger sollen dich in höhere Sphären katapultieren, dich deiner Gottheit näher bringen. Der Schokoladen-Jesus schmilzt in deinem Mund, nicht in deiner Hand. Man, das ist vielleicht direkt. Trink es, schlucke es herunter als eine Art Erinnerung an ihn. Das ist nicht blasphemisch, sondern eine Art Volksspiritualität.“
Kommunionsoblaten schmecken nicht annähernd so gut wie Schokolade?
„Stimmt. Geschmacklich sollte man dieses Zeug gründlich überarbeiten. Passend zur Jahreszeit die entsprechende Zutat: Gewürznelken- und Apfelgeschmack im Herbst, das wären leckere Oblaten. Dazu noch Zimt, Ingwer. Du würdest für einen wahren Zustrom von neuen Kirchenmitgliedern sorgen. Und diejenigen, die aus der Kirche ausgetreten sind, kämen postwendend zurück.“
Erzähle etwas über den skurrilen Song „Filipino Box Spring Hog”?
„Das fällt auch wieder in die Kategorie „surrural”. Als wir in der Union Avenue in Los Angeles lebten, hatten wir jede Menge Parties. Wir sägten die Fußbodendielen aus dem Wohnzimmerboden, Bett, Regale und Holzplanken wanderten in das Loch, schütteten Benzin drüber und zündeten ein Feuer an. Der Lattenrost des Bettes war unser Grill, wir besorgten ein ganzes Schwein und grillten es.“
Brennt dir jetzt noch etwas auf der Seele?
„Na klar. Ein Blauwal wiegt soviel wie dreißig Elefanten, ist so lang wie drei Greyhound Busse. Wußtest Du, daß eine Giraffe länger ohne Wasser auskommt als ein Kamel? Die Zunge einer Giraffe ist zwölf Zentimeter lang, sie kann die Nasenlöcher bei Bedarf schließen oder öffnen, sie galoppiert schneller als ein Rennpferd; und ist dabei auch noch fast geräuschlos...“
Interview: Markus Kruppa Foto: Anton Corbijn
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