Homereske in Gelb

Der Erfolg reißt nicht ab – jetzt bekommen die Simpsons Konkurrenz aus dem eigenen Haus

Seine Schwestern heißen Lisa und Maggie, seine Eltern Homer und Marge, er schätzt Sarkasmus und witzige Sprüche und mißtraut jeder Autorität. Die Rede ist nicht von Bart Simpson, sondern von Matt Groening, seinem Schöpfer. Er nimmt gerne Verwandte als Namensgeber für seine Figuren: Auch seine Söhne Will und Abe sind als Hasen in Groenings Comicstrip „Life in Hell“ zu finden. Der heute 45jährige hat nach eigenen Angaben schon in der Sandkiste die Karrieren der anderen Kinder vorhergesehen. Und beschlossen, für immer weiterzuspielen. Er wollte „ein Universum schaffen, in dem alle Mist bauen, aber aufeinander angewiesen sind, um zu überleben; wo man ein tolles Leben haben kann, auch wenn man nur der zweitbeste ist, oder, in Homers Fall, der letztbeste.“ Sprich: er schuf Die Simpsons und damit die erfolgreichste Zeichentrickserie aller Zeiten. Sie sind „huge in Germany, second only to Mickey Mouse in popularity“, wie es gerade im US-Comic zur Serie (deutsch bei Dino) zu lesen war. Grund genug, die Zeichner der Hefte auf eine Signiertour nach Deutschland zu schicken. Was uns wiederum die Gelegenheit gab, Phil Ortiz zu fragen, wie es ist, für die Simpsons zu arbeiten. Ortiz: „Das ist das beste Projekt, an dem ich je gearbeitet habe. Ich hatte nie mehr Spaß als bei den ersten zwei Staffeln der Fernsehshow. Und jetzt mache ich die Comics, das ist ein bißchen wie die alte Zeit. Ich lerne immer noch, wie man die Figuren zeichnet, sie sehen täuschend einfach aus, aber sie sind tatsächlich auf ihre Art sehr komplex.“ Ortiz hat in den Anfangstagen der Simpsons-Serie nicht nur Hintergründe und Layouts gezeichnet, sondern war auch für das „Character Design“ tätig, d.h. einige Figuren sind direkt seinem Zeichenstift entsprungen: Apu Nahasapeemapetilon zum Beispiel, der indische Marktleiter des Kwik-E-Mart in Springfield oder Ned Flanders, Homers Nachbar. Auch die Polizisten Lou und Eddie sowie Herman, der Kriegsveteran wurden von Ortiz kreiert. Inzwischen arbeitet der Zeichner regelmäßig für die Comics, träumt aber davon, am „Film mitzuarbeiten“. Ein Film? „Wir denken gerade über einen Simpsons-Film nach“, meint Matt Groening dazu, „ich habe schon einige Ideen. Erst muß aber der Deal stimmen, dann kann man daran weiterarbeiten. Ich weiß noch nicht, ob wir es mit der Serie verbinden. Vielleicht, wenn wir sie beenden, aber wir denken ja jedes Jahr, daß wir nur noch zwei weitere Jahre haben und dann gewinnen wir noch einen Emmy, was uns wieder mehr Zeit gibt, bevor sie uns canceln.“

Auch Phil Ortiz ist von dem Erfolg der Simpsons schwer beeindruckt: „Es ist unglaublich, sie haben bereits für die 13. Staffel unterschrieben und arbeiten gerade an der zehnten oder elften...“ Zwei beliebte Figuren der Serie werden allerdings in Zukunft nicht mehr auftreten: der Schauspieler Troy McLure und der Anwalt Lionel Hutz. Ihr Sprecher, der US-Schauspieler und Komiker Phil Hartmann kam im letzten Jahr tragisch ums Leben... Ortiz: „Ja, er wurde von seiner Frau erschossen, was für alle ein großer Schock war. Und wie auch im Baseball üblich, wird seine Rückennummer aus dem Spiel genommen. Das heißt, diese Figuren kommen nicht mehr vor, genau wie Lunchlady Doris, die von der verstorbenen Doris Grau gesprochen wurde. Im Comic können wir die Charaktere aber noch verwenden. In einem Halloween-Special, das in der Hölle spielte, habe ich vor kurzem Doris und Troy McLure in einen Aufzug gezeichnet, der nach oben fuhr.“

Ortiz’ Lieblingsfigur ist natürlich Apu. Das dieser vor kurzem verheiratet wurde, hat er allerdings noch nicht mitbekommen: „Das haben sie getan? Ich schaffe es einfach nicht mehr, alle Folgen zu sehen.“ Da bleiben nur die Video-Veröffentlichungen, deren vierte Ausgabe „Die Simpsons Extra-scharf“ (Fox) am 10. Juni auch bei uns erscheint – inklusive zweier Halloween-Episoden, die hier noch nicht im Fernsehen zu sehen waren. Noch mehr Arbeit kommt in Zukunft auf Phil Ortiz zu, denn Matt Groening hat jetzt eine neue Serie erfunden, die in Bälde auch als Comic erscheinen soll: Futurama (bei uns voraussichtlich im Herbst zu sehen), eine Zukunftsvision, deren Hauptfigur, der Pizzabote Fry, einfach mal mehrere Jahrzehnte versehentlich eingefroren wurde, um am Vorabend des dreißigsten Jahrhunderts wieder aufzutauen. Matt Groening über die Serie: „Das ganze ist sowohl eine Hommage an klassische Science Fiction, wie auch eine Satire darüber. Wir hatten ja die Wahl zwischen einer eher optimistischen Sicht der Zukunft wie bei den „Jetsons“ oder auf Weltausstellungen – oder einer dunklen, unangenehmen Zukunft à la „Blade Runner“ oder „Brazil“. Wir haben jetzt einen Kompromiß, der so ist wie unsere jetzige Realität, also eine Mischung aus wundervoll und grauenhaft.“ Und wie äußert sich dieser Kompromiß in „Futurama“? „Es gibt tolles Entertainment und sehr überzeugende Werbung. Aber die Top-Fernsehshow ist „Eine Stunde Massenhypnose“. Also ähnlich wie heute, nur mit mehr Todesstrahlen, nervenden Robotern und unangenehmen Mutanten.“ Matt Groening hat Science Fiction schon als Kind geliebt, allerdings hauptsächlich wegen der „Bilder auf den Buchcovern und den Titeln der Magazine“. Als Erwachsener hat er dann fast alles aus dem Genre gelesen und begonnen, Ideen zu sammeln. Zusammen mit David Cohen, einem „Simpsons“-Autor und Produzent, hat er dann vor einigen Jahren „Futurama“ entwickelt, und dem Sender „Fox“ angeboten, der auch die Simpsons ausstrahlt. „Die haben mich seit Jahren angefleht, eine weitere Show zu machen und beim Treffen sofort 13 Episoden bestellt“, erinnert sich Groening. Mit den Simpsons hat er dagegen nicht mehr so viel zu tun: „Das wird mit jeder Staffel weniger, aber ich stecke meine Nase immer noch hier und da rein. In der Hauptsache versuche ich, die Charaktere konsistent zu halten und darauf zu achten, daß die Serie eine Seele hat.

Text: Matthias Wieland
Foto: ProSieben
Die Simpsons

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