Einfach rausgehen und Spaß haben

Der Grenzgänger Moby entzieht sich clever aller gängigen Klischees und Kategorisierungen

Den „experimentierfreudigsten DJ“ und „kongenialen Musiker zwischen den konträrsten musikalischen Welten“ nennen Presseberichte den New Yorker Richard Melville Hall aka Moby, und die Superlative erscheinen angesichts seines musikalischen Schaffens eher als Understatement. Früher in Punk-Bands, bei Ultra Vivid Scene und dann mit der Hymne „Go“ der Dance-Act schlechthin, der nach seinem grandiosen Debut „Everything is wrong“ auf „Animal Rights“ gleich wieder mit der Bratzgitarre die Klangkeule schwang und lieber als Vorband der Red Hot Chili Peppers das Publikum verwirrte, als auf den Riesen-Raves die Kohle in großen Koffern abzuholen. Er lehnte die Produktion des neuen Guns’n’Roses-Albums ab, denn „ich will nicht anderen Leuten helfen, ihre Musik zu machen, wenn ich gleichzeitig meine Musik machen kann.“

Alles andere als nur einer von Tausend austauschbaren Dance-Acts, veröffentlicht Moby beispielsweise in seinen CD-Booklets Essays, in denen er sich mit ihm wichtigen Themen – meist mit christlichem Glauben und seinen Fehlformen, veganer Lebensweise und politischen Befindlichkeiten – auseinandersetzt. Nach seiner Soundtrack-Sammlung „I like to score“, steht nun das vierte Moby-Album im Regal, und wieder einmal entzieht sich der sympathische Musiker den gängigen Klischees. Schon die Vorab-Single „Honey“ eröffnete ihm neues Terrain, der Follow up „Run on“ ging diesen Weg weiter. Doch bietet „Play“ auch Moby-typische Instrumentals mit assoziativen Titeln wie „Spirit“ oder „Running“, Songs aus vielen Versatzstücken (wie z.B. Black Music-Feldaufnahmen aus der ersten Jahrhunderthälfte), Samples und Zitaten, die jedoch völlig umgekrempelt und neu zusammengefügt wurden: „Es ist eine Art von Songs, die es so noch nicht gab. Ich hatte mir nicht als Ziel gesteckt, etwas Neues zu machen, aber ich habe es mir mit einem Freund angehört, und er sagte: „Hey, niemand hat bislang solche Musik gemacht. Nicht in dem Sinne, daß es revolutionär-avantgardistisch wäre, aber es kombiniert Dinge, die so eigentlich noch nie kombiniert wurden.“ Grund genug, sich für SUBWAY mit dem Klangtüftler & Dancefloor-Wizard zusammenzusetzen.

Hast Du keine Angst, daß das Album alte Fans verschrecken könnte?

„Ich weiß nicht, ob es überhaupt jemanden verschrecken könnte. Bei „Animal Rights“ wußte ich, daß die Dance-Leute es nicht mögen würden, aber jetzt? Fans von den Backstreet Boys und Britney Spears werden es nicht gerade kaufen, aber insgesamt ist es schon das am leichtesten zugängliche.“

Damals sagtest Du, der Dancefloor-Sektor wäre extrem langweilig geworden. Siehst Du das heute immer noch genauso?

„Nein, in den letzten Jahren konnte ich mich wieder für Dance Music begeistern. ’95/’96 fand ich die Dance Community sehr engstirnig und festgefahren, wohingegen es mir jetzt so erscheint, als würden die Leute wieder ausgehen und Spaß haben.“

Was für eine Bedeutung haben die Essays?

Wenn du dir z.B. einen Staubsauger kaufst und ihn in Betrieb nehmen willst, hast du in der Gebrauchsanweisung Bilder und Wörter. Beides hilft, gewisse Dinge zu beschreiben. Und wenn ich eine Platte mache, beschreibt die Musik etwas, und die Essays etwas – beides zusammen ergibt dann hoffentlich eine Einheit.“

Die Essay-Themen hältst Du aus Deiner Musik jedoch strikt heraus.

„Für mich kommuniziert Musik sehr emotional. Und wenn ich nun auch noch politische Texte machen würde, ginge etwas von diesem Gefühl verloren. Politisch interessiert mich z.B. der Eintritt Chinas in die Welthandelsorganisation. Aber wenn ich darüber einen Song machen würde, wäre das wohl eher langweilig. Simple Politik macht tendenziell gute Songs, und meine Politik ist nicht simpel.“

Fehlt Dir das politische Engagement in der Musik heutzutage?

„Es scheint so, als ob die meisten Platten von Marketingstrategen gemacht werden. Da fehlt die Kreativität, die Intensität. Am Ende des 20. Jahrhunderts wäre es schön, wenn das politische Bewußtsein ausgeprägter wäre, aber die meisten politischen Musiker haben nicht wirklich Ahnung, wovon sie eigentlich reden. Sie tendieren dazu, Dinge zu vereinfachen, und das ist sehr gefährlich.“

Zum Beispiel?

„Rage Against the Machine. Ich mag sie und ihre Musik, aber ihre politischen Ansichten sind wirklich sehr einfach gestrickt. Als ob sie nie mal rausgegangen sind und gesehen haben, wie die Welt wirklich ist. 1999 marxistische Politik zu propagieren, ist einfach unverantwortlich. Und möchtest Du wirklich, daß jemand wie Jamiroquai versucht, die Welt zu ändern? Er ist einfach nicht der Hellste, und es gibt Musiker wie Oasis, wo ich einfach froh bin, daß sie einfach nur Musik machen. Verkauft Platten, nehmt Kokain, macht was Ihr wollt, aber überlaßt die Politik den Leuten, die zur Schule gegangen sind!“

Interview: Matthias Schröder
Foto: Mute/Intercord
Moby

außerdem in SUBWAY 6/99:

Gesellschaft

Georg Uecker
Ingo Appelt
Die Simpsons
Verkehrsmeister Uwe Forberg
Rockgitarristen-Lexikon
Romance Report
Mel Ramos
Jägermeister-Open
Gaelforce Dance

Leinwand

Interview: Irwin Winkler
Interview: John Berton
Alles Routine
Die Mumie
Little Voice
Hinterholz 8
EdTV
Mifune
Croupier
The Acid House
Dich kriegen wir auch noch

Musik

Moby
Tom Waits
Paradise Lost
Mambo Kurt
Nik Kershaw
Brixx
XTC
Incognito
Echo & the Bunnymen

El Kurdi spricht deutsch - Kolumne
Frl. Zapf - Fotoroman









WebHits Counter