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Kathrin macht sich schnell noch ein paar Schnittchen, Gregor entkorkt den Weißwein und Markus stellt schon mal den Fernseher an: es ist Sonntagabend, kurz nach halb Sieben. Wer jetzt in der studentischen Wohngemeinschaft anruft, macht sich vermutlich Feinde. Denn die Anglistik-Studentin und die beiden angehenden Juristen bereiten sich auf ein wöchentliches TV-Ritual vor, das sie mit Millionen anderen Deutschen teilen: die Lindenstraße, das erste endlose Fernsehsspektakel, das hierzulande das Licht der Bildschirme erblickte – und wenn pünktlich um 18.40 Uhr Mutter Beimer in die Wohnzimmer der Nation gesendet wird, duldet auch die Akademiker-WG keine Störung...
Daß man fußballfanatische Männer während „ran“ nicht belästigen sollte, ist ja inzwischen allgemein bekannt. Aber wer sind die Menschen, die sich jeden Sonntagabend für eine knappe halbe Stunde aus dem Weltgeschehen ausblenden? Ziemlich konstant vier Millionen Zuschauer verfolgen wöchentlich die verwinkelten Kleinbürgerdramen.
Bekanntermaßen war dieser Erfolg der Serie nicht immer beschieden: Als die Lindenstraße am 8. Dezember 1985 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, waren sowohl Kritiken wie Quoten miserabel, dennoch konnten Darsteller und Fans am 2. Mai diesen Jahres bereits die 700. Folge feiern. Nahezu von Beginn an, nämlich seit Folge 6 (Sendedatum 12.01.1986), ist auch der Schauspieler Georg Uecker mit dabei; im Lindenstraßen-Mikrokomos bekannt als Doktor Dresslers schwuler Stiefsohn Carsten Flöter, außerhalb u.a. als Moderator des Magazins „anders Trend“ (ab Herbst bei RTL). „Zu Beginn hat sicherlich niemand damit gerechnet, daß die Lindenstraße so ein großer Erfolg wird“, meint der 36-jährige im SUBWAY-Interview rückblickend. Weniger allerdings, weil man von der Serie nicht überzeugt war, als vielmehr, weil es sich bei der Lindenstraße um einen Versuchsballon handelte: Liefen im experimentierfreudigen Großbritannien vergleichbare Serien wie „Coronation Street“ und „Eastenders“ schon seit Jahren, bzw. gar Jahrzehnten, dümpelte die deutsche TV-Unterhaltung noch matt und realitätsfern auf dem „Traumschiff“ durch möglichst seichte Gefilde. „Die Lindenstraße erhebt durchaus den Anspruch – gerade an sich selbst – näher an der Realität zu sein“, findet auch Uecker. Lindenstraße-Erfinder Hans W. Geißendörfer schreibt hingegen bescheiden im Vorwort zum unlängst veröffentlichten Fan-Kompendium „Das Lindenstraße-Universum“ (vgs): „Meine Mitautoren und ich haben eigentlich nichts anderes getan, als unsere eigenen Lebensirrungen und -wirrungen und die unserer Freunde und unserer Umwelt in Geschichten zu packen und in dramatischer Form vorzuführen.“ Bewegte Leben müssen dies in der Tat sein, denn gerade der langjährige Zuschauer dürfte mit Freude an die bisweilen epischen Verschachtelungen in den Biographien der Serienfiguren denken – es sei nur an die nachgerade dämonische Selbstauslöschung der Familie Schildknecht erinnert.
Auch der von Uecker gespielte Carsten Flöter durchlebte bereits eine veritable Vita – und das, obwohl die Rolle eigentlich nach dem ersten Serienjahr verschwinden sollte. „Was natürlich schon ein bißchen komisch war: Kurz vor Ende des ersten Jahres sollte Carsten sein Coming Out haben, und dann verläßt er die Serie“, so Uecker. Bekanntlich blieb Carsten Flöter der Serie erhalten.
Aber gerade diese über lange TV-Jahre erfolgte vermeintliche Annäherung von Darsteller und Serien-Alter-Ego sorgte immer wieder für, besonders in Fan-Kreisen gern kolportierte Geschichten: wundergläubige Passanten, die dem Doktor-Dressler-Darsteller Ludwig Haas, gratulieren wider laufen zu können, oder – nicht ganz so schön – Antifaschisten, die Moritz Sachs verprügelten, weil Klausi Beimer in der Serie gerade seine Nazi-Phase durchlief. Auch die Lindenstraßen-Afficionados Kathrin, Markus und Gregor halten das für eher unwahrscheinlich. „Es ist doch jedem klar, daß es sich dabei um Schauspieler handelt – wenn auch nicht unbedingt in einer gewöhnlichen Serie“, meint der 27-jährige Gregor.
Auf der anderen Seite ist aber ebenso auffällig, daß die Lindenstraße scheinbar das Werk eines verschworenen Teams ist: kaum Skandale um die Darsteller, wie man es ansonsten im schillernden Show-Biz gewöhnt ist. „Das liegt daran, daß die Serie bei den Leuten keine glamourösen Phantasien freisetzt“, beschreibt Uecker die aller dramatischen Verdichtung zum Trotz oft triste Alltagswelt der Lindenstraße. Auch Fan Markus vermutet eher sittlich reifere Zuschauer bei seiner Lieblingsserie: „Das Privatleben der Stars ist doch nur für Teenies interessant, die GZSZ oder Verbotene Liebe gucken.“ Wesentlich spannender findet er es da schon, mit Gleichgesinnten die oft bizarren Handlungsvolten (wie z.B. Doc Dresslers Esoterik-Pyramide am Rollstuhl etwa oder die stark surrealen Folgen von Berta Grieses kurzzeitiger Tablettensucht) aus dreizehn Jahren Lindenstraße zu diskutieren. Und so werden sich auch sicher die nächsten 700 Folgen lang jeden Sonntagabend vier Millionen Menschen jede Störung verbitten.
Text: Alexander Haase Foto: WDR
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