Interaktive Patchwork-Kolumne

El Kurdi spricht deutsch

Es gibt soviel unnütze Informationen. Neulich las ich z.B., daß man Schleimkrusten in der Nase nicht durch Popeln entfernen soll, sondern mit Hilfe von speziellen, in der Apotheke zu erwerbenden Salzwasser-Nasenspülgeräten. Popeln schädige nämlich die Nasenschleimhaut und das sei unbedingt zu vermeiden. Unglaublich! Welcher weltfremde HNO-Hiwi hat sich das wohl ausgedacht? Als ob man primär aus Schleimkrusten-Entfernungsgründen popelte. Als ob man abends allein in der Straßenbahn säße und dächte: Oh, da hab ich wohl eine Schleimkruste in der Nase, da werd ich doch mal mein Salzwasser-Nasenspülgerät aus der Tasche holen und meinen Riechkolben so richtig mit Schmackes durchspülen! So ein Unsinn! Popeln ist eine Art Meditation, für viele Menschen sogar die einzige Möglichkeit, in einer entfremdeten und durchtechnisierten Welt für einen kurzen Moment zu sich selbst zu finden, für sich zu sein, den eigenen Körper zu spüren, sozusagen Sport von innen, nahe am Sexuellen angesiedelt und deswegen nur noch mit der Masturbation zu vergleichen. Also ein sehr intimer Moment. Deswegen gelten aber natürlich für das Popeln die gleichen strengen Benimmregeln wie für die Selbstbefriedigung: niemals in der Öffentlichkeit, niemals vor dem eigenen Partner, es sei denn, er verlangt danach! Das provokative, 70er-Jahre-mäßige Ignorieren von Privat- und Intimsphäre in Form von Klotüren-Aushängen, Am-Tisch-Rülpsen, Rudelbumsen, Menschen-distanzlose-Fragen-Stellen und öffentlichem Popeln und Im-Ohr-Puhlen (um sich dann evtl. auch noch das Puhlergebnis seelenruhig anzusehen, während man den gerade begonnenen, langweiligen sozialpädagogischen Gedanken verbal zu Ende spinnt)  dies alles gehört nämlich auf den Misthaufen der Geschichte. Wie bitte? Ich soll nicht immer so altklug daherschwätzen und den stalinistischen Benimmonkel geben? Na gut, dann eben nicht: Ich erkläre hiermit öffentlich, daß es mir piepegal ist, ob jemand vor Gästen onaniert, sich lange schleimige Popel aus der Nase zieht oder sich beim Mittagessen die nackte Brust mit Crème double einreibt. Macht nur, ihr Ferkel, es soll mir recht sein. Meinetwegen geht sogar in eine Apotheke und kauft auch so einen Nasenspüler, und reinigt euch damit auf einem öffentlichen Platz sämtliche Körperöffnungen. Is mir doch wurscht... So, jetzt bin ich beleidigt... Ich gehe jetzt erstmal Luft schnappen... (Es folgt eine 10-minütige Kolumnenschreibpause, die beim Kolumnenlesen aus künstlerischen Gründen in Echtzeit nachvollzogen werden sollte  also los: Kaffeekochen etc. pp.!)... So da bin ich wieder. Auf meinem kurzen Spaziergang habe ich ein Dokument lebendiger deutscher Tradition beobachtet: einen aufgespießten Handschuh! Das macht man in Deutschland so: Wenn man eine Straße entlanggeht und plötzlich einen einzelnen Handschuh in der Gosse findet, dann hebt man ihn auf und steckt ihn auf die Spitze eines Zaunpfahls, auf daß der Verlierer zum glücklichen Wieder-Finder wird, wenn er am nächsten oder übernächsten Tag erneut diese Stelle passiert. In der Regel siedelt der Verlierer jedoch aus Trauer über den Verlust des Handschuhs nach Australien über und kommt nie wieder an der Stelle vorbei, und so verwest der Handschuh langsam aber sicher auf dem Zaun. Bis er sich aber ganz in seine Bestandteile aufgelöst hat, sieht er aus wie eine von Michelangelo gemalte Heiligenhand: mit ausgestrecktem, gen Himmel deutendem Zeigefinger, der an die Existenz Gottes erinnern soll. Oder wie eine abgehackte, auf einen Speer gespießte Diebeshand, die in einem islamisch-fundamentalistischen Wüsten-Scheichtum als Abschreckung für potentielle Nachahmungstäter auf dem Marktplatz ausgestellt wird (siehe auch: französische Revolution/Guillotine/Adeligenköpfe). Seltsa oder? Ich beantrage eine namentliche Abstimmung.

El Kurdi

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