Transparent in die Zukunft

Incognito bleiben mit klassischem Sound auf der Höhe der Zeit

Das neue Incognito-Album ist da. Keine besonders spektakuläre Neuigkeit über Jean Paul „Bluey“ Maunicks Combo, die schon vor achtzehn Jahren – so lange ist das schon her – ihr erstes Album veröffentlichte. Um nicht zu weit ausholen zu müssen, stellt sich also weniger die Frage, wie alles anfängt, sondern eher, wie es weitergeht. Die Arbeit an „No time like the future“ erstreckte sich über gut zwei Jahre. Blueys Scheidung und der Aufbau seines eigenen Studios, daß noch vor seiner Fertigstellung gleich zweimal überflutet wurde, um schließlich ein drittes Mal wieder aufgebaut zu werden, waren Dinge, die neben seiner Arbeit am eigentlichen Album reichlich Zeit in Anspruch nahmen. Im SUBWAY-Interview verrät Bluey aber noch mehr über die Auswirkungen aller dieser Ereignisse: „Durch das, was passiert ist, besuchten mich in dieser Zeit viele Freunde und Musiker, um nach dem Rechten zu sehen. Mit vielen habe ich dann ein paar Takes auf ihrem Instrument aufgenommen oder wir haben einfach zusammen gejamt.“ Über 50 Mitwirkende sind auf diese Weise auf dem Album versammelt, wobei die 18-köpfige Streicher-Sektion noch nicht einmal mitgerechnet ist. Wurde das Debütalbum noch in nur sechs Tagen eingespielt und abgemischt, hat sich Bluey diesmal erstmals den Luxus erlaubt, mit den Titeln „ein bißchen zu leben“ um dann vielleicht nach einiger Zeit nochmal ins Studio zu gehen und hier und da ein kleines Detail zu verändern. Da werden dann schon mal fünf Snares übereinander gelegt, nur um den gewünschten Sound zu erreichen oder Samples aus 50 Filmen auf dem Album versteckt. Für das Ohr ist es jedoch keine „Computermusik“, sondern Live-Feeling, das die Platte vermittelt, die in etwa so klingt, wie man es von einem Incognito-Album erwartet hätte. „Nights over Egypt“ beispielweise ist eine von jener Sorte Singles, mit der Incognito in der Vergangenheit wohl den größten kommerziellen Erfolg hatte. Jocelyn Brown und Maysa übernehmen den Gesang bei diesem Jones Girls-Cover.

Für Freunde ungeschnittener Solo-Exzesse seien dagegen „I can see the future“ und „Black Rain“ empfohlen. Versehen mit ausgiebigen Instrumental-Parts, dokumentieren sie die musikalische Freiheit der 70er, als es die 3-Minuten-Grenze der Nachkriegs-Musikboxen nicht mehr und die 3-Minuten-etwas-Grenze des Formatradios und der Charts noch nicht gab. „Ich komme aus den 70ern, und ich möchte, daß man das auch in meiner Musik spüren kann.“ Ausgerechnet „Black Rain“ ist aber auch das Stück, in dem Blueys moderne Einflüsse massiv hervortreten. Sein Sohn Daniel hat die Rhythmus-Sektion Drum’n’Bass-like mit Filtern bearbeitet, aber alles mit Blueys geliebter Transparenz, so daß hier kein Ton den Blick auf die funky 70ties trübt. Wer jetzt in Bluey den Knöpfchen drückenden Studio-Wizard vermutet, liegt aber ziemlich daneben, denn „für das Publikum auf der Bühne zu spielen, ist die Sache, die mich wirklich dazu gebracht hat Musiker zu werden. Dort gibt es keinen Sampler, keinen Sequencer, jeder Ton kommt live von uns. Gerade diese Verwundbarkeit fasziniert mich: Mein Verstärker könnte durchbrennen, oder ich könnte mich verspielen. Aber gerade dieses Gefühl auf der Bühne am Abgrund zu stehen, ist genau das, was ich liebe.“

Text: Carsten Warnk
Foto: Blink/Motor
Incognito

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