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Wer kennt das nicht, Bus oder Straßenbahn stehen schon an der Haltestelle, schnell einen Sprint hingelegt, doch es hilft nichts, das Verkehrsmittel fährt einem vor der Nase weg. Zumeist folgt nun ein Fluch auf den Bus- oder Straßenbahnfahrer. So sammeln sich auf ihren Schultern tagtäglich einige Dutzend Flüche an. Höchste Zeit also, das Leben und den Berufsalltag eines dieser Menschen unter die Lupe zu nehmen und eine Lanze für die Chauffeure zu brechen.
Unsere Wahl fiel auf den 33jährigen Uwe Forberg, der für die Braunschweiger Verkehrs AG Busse und Straßenbahnen lenkt. In Braunschweig geboren und familiär vorbelastet, „mein Vater war schon Fahrer bei der Verkehrs AG“, wurde die Personenbeförderung nach seinem Dienst bei der Bundeswehr zu seinem Berufswunsch. Mittlerweile ist er seit acht Jahren als Fahrer in der Stadt unterwegs und wurde inzwischen zum Verkehrsmeister ernannt. Verkehrsmeister sind befugt, Entscheidungen zu treffen, welche in das Verkehrsgeschehen eingreifen, soll heißen: wenn was schiefläuft im Fahrplan, z.B. eine gigantische Verspätung eines Busses, dann gibt der Verkehrsmeister den Startschuß für einen Ersatzbus, der die Verspätung auffangen soll. Und so sitzt Forberg nicht nur auf dem Fahrersitz von Bus oder Bahn, sondern auch immer wieder in der Vehrkehrsleitzentrale in der Taubenstraße, wo auf vielen Bildschirmen die kameraüberwachten Verkehrsknotenpunkte (wie z.B. die Haltestellen am Rathaus) zu sehen sind. Ein satellitengestütztes Computerprogramm, das den genauen Standort einer jeden Straßenbahn und eines jeden Busses anzeigt, befindet sich noch im Erprobungsstadium, und kopfschüttelnd fragt sich Uwe Forberg gerade, warum denn die Linie 3 ihrer vorgegebenen Fahrzeit so weit voraus ist. „Normalerweise gibt’s das gar nicht“, erklärt er, „die Fahrer haben zwar manchmal Verspätung, aber wenn man zu gut in der Zeit liegt, dann fährt man eben etwas langsamer”.
Das Gerücht, die Fahrer und Fahrerinnen würden gerne etwas schneller fahren, damit sie an den Endhaltestellen eine längere Pause haben, weißt Forberg entschieden zurück. „Stimmt nicht“, sagt er und erklärt, daß die neue Pausenzeitregelung festlegt, daß die Pausen grundsätzlich in größeren Blöcken außerhalb der Fahrzeuge stattfinden müssen. Was ist aber, wenn der Fahrer mal pinkeln muß – „dann muß er bis zur Endhaltestelle durchhalten“, antwortet Forberg und gibt zu wissen, daß bei einer Darmverstimmung „der Kollege, den es plötzlich erwischt, natürlich auch unterwegs ausgetauscht wird“. Erheblich häufiger als Darmverstimmung bei Fahrern sei allerdings die Gemütsverstimmung bei Fahrgästen anzutreffen, „da gibt’s welche, die meckern schon aus Prinzip und es ist auch nicht immer einfach, auf einen Fahrgast, der in letzter Minute angerannt kommt, zu warten, wenn ich sowieso schon Verspätung habe und zusehen muß, daß ich überhaupt wieder in den fließenden Verkehr reinkomme“, sagt Forberg, „dann wird natürlich gemeckert“.
Aber hinter der rauhen Fassade des toughen Busfahrers steckt eigentlich immer ein Freund und Helfer: da werden, wenn es die Situation zuläßt, selbstverständlich Kinderwagen mit ins Fahrzeug gehoben, älteren Damen zum Ein- und Aussteigen unter die Arme gegriffen und des Nachts Schlafende auch schon mal an ihrer Wunschhaltestelle geweckt. „Schwierig wird’s wenn Konflikte mit betrunkenen Fahrgästen zu regeln sind“, erzählt Forberg, „aber ich habe das Hausrecht, und wenn die Strategie der Deeskalation fehlschlägt, dann setze ich den Randalierer an die Luft, oder rufe gegebenenfalls die Polizei.“
Forberg und seine 500 Kollegen und Kolleginnen sind mit 53 Straßenbahnen und 140 Bussen jeden Tag von 4 Uhr Morgens bis etwa 3 Uhr 30 Nachts auf dem fast 800 Kilometer langen Streckennetz der Verkehrs AG unterwegs, transportieren tagtäglich ca. 140000 Fahrgäste in mehreren Schichten, so daß „normalerweise persönliche, zeitliche Vorlieben des Einzelnen berücksichtigt werden können“, sagt Forberg, der sehr zufrieden mit seinem Job ist. Sein schönstes Diensterlebnis, „das war beim Karneval, kurz nach Ende des Umzugs an der Stadthalle, ich fuhr einen Gelenkbus. Der war proppenvoll, die Leute fast übereinander, ich konnte nirgends mehr halten um noch Fahrgäste aufzunehmen und das Beste: der ganze Bus hat gesungen, das hat einen riesen Spaß gemacht und zum Schluß haben mir die Fahrgäste alle noch etwas Geld in die Schale geworfen“, schwärmt Forberg. Zum Glück gibt es hingegen noch keine nennenswerten Negativerlebnisse, „nur Betrunkene, die es drauf anlegen, einen anzumachen, sind extrem unangenehm“, bekennt er. „Aber es gibt auch welche, die schlafen gleich ein, wenn sie im Bus sind. Die müssen dann an der Endhaltestelle geweckt werden, und ich frage, wo sie aussteigen wollten, damit sie auf der Retour auch nach Hause kommen“.
Wie viele andere öffentliche Verkehrsbetriebe auch, schreibt die Braunschweiger Verkehrs AG leider rote Zahlen und in der Chefetage werden die Köpfe rauchig gegrübelt, wie denn außer durch Fahrpreiserhöhungen mehr Geld in die Kasse kommt. Dennoch verspürt Forberg nicht direkt Sparzwänge, der Fuhrpark ist auf Topstand, die Sicherheit der Fahrzeuge gewährleistet, aber einige Kollegen werden in die Verkehrs AG Tochter Mundstock ausgegliedert, um dort nach einem anderen Tarif ihr Gehalt zu bekommen.
Aber auch mehr Fahrgäste bringen mehr Geld in die Kasse, und so muß das Image der Busse und Bahnen in Braunschweig verbessert werden, meint nicht nur Forberg. Die neuste Idee seines Arbeitgebers klingt da ziemlich vielversprechend, durch verstärkte Präsenz von Mitarbeitern gerade in den Abend- und Nachtstunden soll das Sicherheitsgefühl der Fahrgäste positiv beeinflußt werden.
Gefragt, was Forberg ändern würde, wenn er uneingeschränkte Regierungsmacht in seiner Heimatstadt hätte, antwortet er wie aus der Pistole geschossen: „allen Arbeit beschaffen“, ein frommer Wunsch an dem schon die großen Politiker scheitern, und so besinnt sich der Verkehrsmeister wieder auf das, was ihn auszeichnet: die Ruhe im Sturm des alltäglichen Personenbeförderungsgeschehens, zugeparkte Haltestellen geschickt ansteuern um gefahrloses Ein- und Aussteigen der Fahrgäste zu gewährleisten, Verspätungen durch Geschwindigkeit einholen, den Fahrgast zufrieden stellen und natürlich Flüche ertragen.
Text: Andreas Jäger Foto: Verkehrs AG
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