Modernde Monster und Mutationen

Abtl. Computer-Untote: Hollywoods Top-Visual-FX-Künstler John Berton erschuf „Die Mumie“

So stellt man sich einen Computerfreak vor: lange, ungepflegte Haare, dicke Brille, alte Jeans und irgendwo nicht ganz von dieser Welt. Doch der Typ ist top in Hollywood. Einst begann John Berton als Computer Graphic-Animator für „Star Trek VI“ und „Terminator“. Später mischte er bei „Jurassic Park“ und „Familie Feuerstein“ mit und war bei „Men in Black“ dabei. Das alles im Auftrag von Industrial Light & Magic, der digitalen Trickschmiede von George Lucas. Für „Die Mumie“ betrat Berton Neuland: mit seinem Team schuf er die erste menschliche Kreatur, die komplett aus dem Computer stammt. SUBWAY unterhielt sich mit John Berton über seine tricktechnische Totenerweckung.

Industrial Light & Magic (ILM) gilt als Mercedes unter den Effekt-Firmen. Doch Computer werden leistungsfähiger und billiger – haben Sie keine Angst, daß ILM sein Monopol verliert?

„Wir bei ILM haben ständig Angst davor. Und genau deshalb wird uns das nie passieren! Wir beobachten täglich die Arbeit unserer Mitbewerber. Es gibt immer mehr Leute, die in diesem Bereich arbeiten. Die Technologie ist inzwischen zugänglich. Allerdings: bloße Technik allein reicht ja nicht aus. Der entscheidende Punkt ist: wie fähig ist die Person, die den Computer bedient. Darin liegt unsere Stärke: ILM hat die besten Leute. Deshalb sind wir die beste Firma. Ein wenig dieser besonderen Motivation rührt wohl auch daher, daß wir nicht direkt in Hollywood, sondern in Nordkalifornien arbeiten – da haben wir unseren eigenen Lebensstil, abseits der Traumfabrik.“

Mit der „Mumie“ bieten Sie eine bahnbrechende Neuheit: der digitale Mensch, zumindest das Skelett davon...

„Wir haben per Computer eine Kreatur geschaffen, die einem menschlichen Wesen so nahe kommt, wie nie zuvor in der Geschichte der Tricktechnik. Die Muskeln funktionieren wie in echt, die Haut wirkt realistisch. Und zudem bewegt sich die Mumie so natürlich wie ein Mensch. Das ist eine ganz andere Dimension als Anfang der Neunziger die Saurier aus „Jurassic Park“. Wir bieten sehr viel mehr Details, die für diese neue Glaubwürdigkeit sorgen.“

Wie haben Sie die Mumie gemacht?

„Im Prinzip funktioniert das so, daß wir den ganzen Körper von Mumien-Darsteller Arnold Vosloo mit vielen kleinen Markierungspunkten versehen. Diese reflektierenden Punkte werden mit einer Spezialkamera gefilmt, daraus läßt sich später am Computer der gesamte Bewegungsablauf berechnen und künstlich erzeugen. Im zweiten Schritt kommen die Animations-Spezialisten mit ihren Modellen hinzu und erwecken die Mumie schließlich zum Leben.“

Wann erzeugen Sie den ersten realen Menschen?

„Ein realer Mensch wird immer das Traumziel aller Trickleute sein. Ich persönlich glaube jedoch nicht daran, daß wir jemals einen rein digitalen Akteur erzeugen können, der es mit einem Schauspieler aus Fleisch und Blut aufnehmen kann. Ein menschliches Gesicht allein ist schon so unendlich komplex, um es perfekt künstlich zu erzeugen, bräuchte man einen Computer mit unendlicher Leistung. Wir können immer nur versuchen, der Wirklichkeit Stück für Stück näher zu kommen: da ist der Weg das Ziel.“

Wo liegen Limits bei der digitalen Illusion?

„Bei jedem Projekt, das wir gemacht haben, gab es immer Leute, die sagten, das schaffen wir nie. Ob bei „Terminator“ oder „Jurassic Park“. Aber dann brachte doch jeder Film einen Fortschritt, mit dem man kaum hatte rechnen können. Auch bei der „Mumie“ waren wir am Anfang skeptisch, ob wir diesen geforderten Realismus je schaffen könnten. Beim fertigen Film haben wir mehr erreicht, als wir uns erhofft hatten.“

Gab es keine Konkurrenz mit den Kollegen, die zeitgleich an „Star Wars“ arbeiteten?

„Nein, bei ILM wird der Wettbewerb zwar groß geschrieben, noch wichtiger ist aber das Teamwork. Wir haben uns ständig mit den Jungs von „Star Wars“ ausgetauscht. Wenn die 1000 Bilder in einer einzigen Szene unterbrachten, wollten wir dem natürlich nicht nachstehen. Es besteht eine freundschaftliche Rivalität.“

Hat George Lucas nicht verlangt, daß sein eigener „Star Wars“ die besseren Effekte haben müßte als die Auftragsarbeit für die „Mumie“?

„Nein, solche Vorgaben gab es zu keiner Zeit. Unser Projekt hatte ganz andere Erfordernisse als „Star Wars“: wir mußten eine Kreatur erzeugen, die möglichst realistisch wirken sollte. Während „Star Wars“ seine ganz eigene Fantasywelt erschafft.“

„Small Soldiers“ bot 370 der berühmten Computer Graphic Images (CGIs), „Godzilla“ gut 400 und bei „Star Wars“ sollen es 2000 werden – wieviel bringt „Mummy“ ins Rennen?

„Wir haben 141 Szenen bei ILM gemacht. Jede dieser Szenen dauert sechs bis acht Sekunden. Bei 24 Bildern pro Sekunde können Sie sich das selbst ausrechnen. Aber für mich ist die Anzahl der CGIs gar nicht so bedeutend, Qualität ist wichtiger als Quantität. Heute können wir sehr viel mehr mit den einzelnen Szenen experimentieren, bevor wir sie in den Film einbauen. Wir haben jeden Abend einige 10000 Bilder in die Computer eingegeben, über Nacht wurden die Sequenzen berechnet, und am nächsten Morgen hatten wir die Ergebnisse vorliegen. Was uns nicht gefiel, haben wir geändert und in der nächsten Nacht begann das gleiche Spiel von neuem. Bei ILM arbeiten die Künstler am Tag und in der Nacht die Computer.“

Nicht selten ist es so: zuviel Spezial-Effekte verderben den Film-Brei...

„Für uns ist es keineswegs ein Kompliment, wenn wir hören, die Effekte waren ganz toll, aber die Story des Films war schwach. Uns ist es lieber, wenn die Effekte zu der Vision eines Regisseurs passen und den Film nicht übertrumpfen. Wir wollen, daß der Film als solches erfolgreich ist, und nicht nur unsere Tricks darin. Schließlich ist unser Ziel, den Regisseuren zu helfen, ihre Geschichten besser zu erzählen.“

Basteln Sie bisweilen subversive Einlagen in Ihre Effekte, die man erst später auf Laserdisc entdecken wird? Wie die Sexbilder, die Disney-Zeichner zwischen ihre Bilder schummelten?

„Die Mumie ist ja schon mehr als nackt! Nein, für solche Spielereien haben wir keine Zeit. Und wir wollen unsere Kunden ja auch nicht verärgern mit solchen Scherzen... (lacht).“

Interview: Dieter Oßwald
Foto: UIP
Die Mumie

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