„Ich bin auch ’ne Drecksau“

Lieber anal als liberal: Ingo Appelt, fleischgewordenes Synonym diabolischer Boshaftigkeit

„Ihr Sohn ist ja vielleicht ganz nett, aber sie erziehen da einen Terroristen!“ Diese freundlichen Worte von Ingo Appelts Lehrer hätten der Anlaß für seine Mutter sein können, die Notbremse zu ziehen. Vielleicht sogar Anlaß sein müssen. Einigen Menschen, die jetzt unter seinem Spott leiden dürfen, wäre das sicherlich sehr recht gewesen, denn vermutlich empfänden wir Rudolf „Rennrad“ Scharping dann als nicht ganz so „laaaaangsaaaam“ und Verona „Vrönchen“ Feldbusch nicht ganz so dämlich. Vielleicht wäre aber einfach nur die Wahrheit verborgen geblieben. Was uns an schonungslosen Enthüllungen bei seinem Auftritt am 12.6. in der Braunschweiger Stadthalle erwartet und warum er bei Veronas „Feuchter Seite“ lieber das Handtuch warf, verriet Appelt vorab schonmal im Gespräch mit SUBWAY.

Was war der Auslöser für Deine Entscheidung, bei „Verona’s Welt“ auszusteigen?

„Ich bin dort angetreten, um das Niveau nach unten hin zu toppen. Wenn ich mich aber bücken muß, um die Qualität einer Sendung noch zu unterbieten, ist das schon schwierig. Ich wollte ursprünglich was ganz anderes machen in „Veronas Welt“, mußte mich dann aber auf Kompromisse einlassen. Ich durfte Verona nicht anpissen und sollte auch die Gäste nicht anfauchen, da habe ich es geschmissen. Nur zwischen den Talks einen Stand-Up machen und wieder verschwinden war mir zu wenig. Ich gehe einfach erst richtig auf, wenn ich ein richtiges Arschloch sein kann.“

Du hast ja auch mal die Provokation als didaktisches Prinzip bezeichnet. Was versuchst Du den Leuten zu vermitteln?

„Ich will den Leuten ihre Selbstgefälligkeit ausreden. Gerade jetzt während des Kosovo-Krieges merkt man das ganz deutlich. Warum muß denn der Clinton jetzt losgehen und Bomben schmeißen? Macht er das, weil sie ihm die Lewinsky weggenommen haben? Als er die noch hatte, hat er sich 20 Minuten einen kauen lassen und ist dann zum Arafat gegangen und hat Friedenspolitik betrieben. Irgendwo hängt da ganz schön was im Argen, was verklemmte männliche Sexualität angeht. In dieser Beziehung halte ich den Krieg und solche Macho-Posen für sehr arschig. Laßt Euch lieber einen blasen, kauft Rosen oder versucht Eure Frauen glücklich zu machen – aber versucht nicht Völker auszurotten. Ich bin doch auch ‘ne kleine Drecksau, ich bin auch verklemmt, ich habe auch ‘nen kleinen Schwanz aber ich muß deswegen nicht Diktator werden, obwohl ich wie Adolf Hitler am 20.4. Geburtstag habe. Aus mir hätte genauso gut ein Faschist werden können, aber ich bin lieber Komiker geworden. Man muß bestimmte Triebe einfach rauslassen, dann kann man damit umgehen. Ich verletze die Leute ja nur scheinbar und genau damit nehme ich den Zunder raus. Wenn ich auf einen Behinderten zugehe und sage „Na, Du Rolli“, ist die Verklemmung, die Angst vor dem Behinderten erstmal weg. Er kann dann zwar sagen „Du Arschloch, mach mich nicht so blöde an“, aber man nimmt sich gegenseitig ernst. Witze sollen Verhältnisse klären und die Provokation hilft mir an den Punkt, wo man auch wieder miteinander reden kann.“

Hast Du denn manchmal Angst, daß Dir die Provokationspartner ausgehen, wenn immer mehr Charakterköpfe wie der Kohl abtreten?

„Nein, überhaupt nicht, der Kohl ist ja weg, der regt mich nicht mehr auf. Wer mich im Moment total ärgert, ist der Schröder, dieser Bundesfrühstücksdirektor. Der geht mir sowas von auf den Sack – der Typ macht nichts. Der macht eine Politik für’s Fotoalbum, aber nicht, um wirklich was zu bewegen in diesem Land. Diese ganze NATO-Scheiße: Diese Feigheit, oben Bomben abzuschmeißen, und unten dann nicht reinzugehen. Es ist doch eine völlige Fehleinschätzung, wenn man meint, daß sich die Serben und die Albaner irgendwo politisch oder diplomatisch einigen. Die hassen sich auf den Tod. Da kann man mit dem Gong daneben stehen und reden wie man will, die hören nicht auf. Da mußt Du dazwischengehen, auch auf die Gefahr hin, daß Du das Messer ins Kreuz kriegst. Das ist die Aufgabe der Bundeswehr und nicht nur „Wehsportgruppe Wettsaufen“ oder im Oderbruch Sandsäcke stapeln. Die sind dafür ausgebildet, um genau solche Kriege zu entschärfen, aber das haben die einfach nicht im Griff.“

Wie wirst Du diese heikle Thematik denn gag-technisch umsetzen?

„Da kommt meine Front-Gala zum Zuge, wo ich mich über die Bundeswehr, diese feigen Schlappschwänze, lustig mache. Erst haben die mir all die Jahre erzählt, daß ich ein Idiot bin, weil ich den Wehrdienst verweigert habe: „Ey, mach’s wie ich, immer schön Bummeldienst, immer schön saufen, hahaha.“ Jetzt wo sie den Arsch hinhalten sollen, kommen sie: „Mammi, Mammi bitte nicht in den Krieg, sollen doch die Amerikaner gehen.“ Also da muß endlich mal Tacheles geredet werden. Entweder Bundeswehr abschaffen oder wenn sie schon die Super-Machos geben, dann greift bitteschön auch ein. Diese Milliarden, die dieser Krieg kostet. Die hätten den Milosevic lieber schmieren oder BigMacs und Nintendo abschmeißen sollen. Brot und Spiele – das ist es, was die Leute wollen. Das ist ein armes Land. Die brauchen Geld und keine Bomben.“

Verglichen mit dem Kosovo-Konflikt war Deine Version von Westernhagens „Dicke“ auf der Echo-Verleihung ja fast trivial...

„Ich glaube, er steht darauf, wenn jemand die Dinge so ausspricht, wie sie sind. Er ist ja so ein kleiner Rocker à la „Theo gegen den Rest der Welt“. Und jetzt kommt Appelt gegen das Establishment.“

Ihr geht ja sogar gemeinsam auf Tour. Wie wirst Du seine Fans angehen?

„Man kann in einem Staion keine Filigran-Gags bauen, sondern muß den Leuten die Möglichkeit geben, sich selbst zu feiern. Wenn sie sich geil finden, finden sie auch die Lieder geil. Man kann sich nicht hinstellen und prollen „ich bin der Tollste hier“, sondern sagen: „Ihr seid die größten! Toll, daß wir zusammensein dürfen.“ Wenn man singt, „ich bin so froh, daß ich kein Ficker bin“, gibt man den Leuten die Möglichkeit, mitzusingen. Oder man macht dann den Pabst: „Anke, ich will es Dir besorgen, Anke, am besten jeden Tag. Anke, wir treiben’s bis zum Morgen...“ – spätestens da werden alle mitsingen.“

Interview: Henning Schmidt
Foto: RTL
Ingo Appelt

außerdem in SUBWAY 6/99:

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