„Ich bin nicht von dieser Welt“

Kurt Werth, Deutschlands größter Comic-Dealer, erzählt über Comics, Kitsch und Kunst

Mit seinem „Trivial Book Shop“ war Kurt Werth der erste in Deutschland, der eine Buchhandlung exklusiv für Comics eröffnete. In seiner Kindheit verdiente er sich die Groschen für die bunten Heftchen mit dem Pfand leerer Bauarbeiter-Bierflaschen. Als er nach einem schweren Arbeitsunfall im Krankenhaus lag, entschied er sich, mit seiner Passion Geld zu verdienen. SUBWAY traf sich mit dem Mann, der zu den führenden Fachleuten des Comic-Genres gehört.

SUBWAY: Wie teuer waren damals Deine ersten Comics, die Du Dir gekaufst hast?

„30 bis 50 Pfennig. Die Mickey-Maus-Hefte waren die teuersten, vom ersten Tag an – 1951 kam das erste heraus und hat 75 Pfennig gekostet. Das wäre umgerechnet so, als wenn man heute 8-10 Mark für ein Heft bezahlen müßte.“

Was macht die Faszination von Comics aus?

„Man kann dadurch Gefühle der Jugend wiedererleben. Es ist nicht so, daß man sich hinsetzt, und es passiert sofort während des Aufschlagens, es entwickelt sich einfach beim Lesen. Dann geht so ein Licht auf, dann erinnert man sich an Situationen von früher, an das Geschäft, wo man das Comic gekauft hat... an die guten Jahre des Lebens, sozusagen der Rückblick eines alten Mannes. Comics sind unheimlich wichtig, speziell die aus den 50ern und 60ern. Sie haben sehr viel dazu beigetragen, daß Leute ein inneres Rechtsbewußtsein entwickelt haben. Und da ist Hansrudi Wäscher mit „Sigurd“, „Akim“, „Nick“, „Tibor“ und „Falk“ hervorzuheben. Dort waren immer Helden, die Leute in Not retteten und nur Gutes taten, somit eine positive Identifikationsmöglichkeit gaben. Und bei mir hat sich das festgefressen.“

Für wieviel Geld werden eigentlich Originalhefte heute gehandelt?

„Das teuerste deutsche Comic kostet momentan 18000 Mark, mein teuerstes Heft, „Das Geisterschiff“, immerhin noch 5500 Mark. Ich habe auch schon eine Mickey Maus Nr. 1 für 8000 Mark verkauft. Heute hatte ich einen Kunden, der für ein Original aus dem Jahre 1951 15000 Mark bezahlen würde, wenn es druckfrisch erhalten ist. In meinem ganzen Leben, bei den Mengen, die mir untergekommen sind, habe ich allerdings nur ein einziges in den Händen gehalten.“

Was unterscheidet den „Trivial Book Shop“ in Hannover von dem in Braunschweig?

„Wir haben ungefähr eine Million Hefte in Hannover, in Braunschweig führen wir eher das Science-Fiction-Programm; Science Fiction, Fantasy, Rollenspiele, Zinnfiguren und Comic-Neuerscheinungen. In Hannover können wir auf ein Antiquariat von 600000 Heften zurückgreifen, auf alle Horrorromane von 1900 bis heute, alle Westernromane von den 50ern an. Das phantastische Medium hat mich schon immer fasziniert, ist der Hauptgrund, der mich zu den Comics führte: egal wie dumm die Geschichte auch sein mochte, es war immer das schönste, wenn sie von utopischen, unerklärlichen Phänomenen handelten. Das ist für mich immer noch das Größte. Ich bin halt nicht von dieser Welt.“

Wie hat sich der Comic-Markt in den letzten Jahren verändert?

„Vor knapp 20 Jahren hat es noch keinen Comic-Markt gegeben. Anfang der 80er etablierten sich Verlage wie Carlsen, welche gerade über unsere Aktivitäten in die Szene kamen. Vorher gab es nur eine geringe Angebotsbreite, hauptsächlich für Kinder. Ich sage immer: wir Comic-Händler der ersten Stunde haben für die großen Verlage das Bett gemacht. Basierend auf dieser Interessenlage war es ihnen erst möglich, hochwertige Comis zu produzieren. So konnte sich auch die sogenannte Neuware etablieren. Ich war 1979 mit einer der ersten, der einen Laden dieser Art hatte.“

Was macht einen guten Comic aus?

„Es gibt keinen guten Comic, es gibt nur einen individualistisch guten Comic, wenn sich Käufererwartung und Inhalt decken. Wenn ich von Comics rede, dann muß ich Carl Barks erwähnen, den Erfinder und Zeichner von Dagobert Duck, der in seinen Stories viele Lebensweisheiten verarbeitet hat.“

Wie beurteilst Du das heutige Kaufverhalten jugendlicher Leser?

„Die 14-15jährigen waren nie unsere Kunden im Comic-Bereich. Sie sind mehr auf die Rollenspiele und Kartenspiele fixiert. Seit anderthalb Jahren ist das anders: Mit dem „Spawn“-Film ist die Verbindung zurück zu den Comics entstanden, so daß sogar Kids bereit sind, für ein vergriffenes Heft von „Witchblade“ bis zu 130 DM auszugeben. Dieser Trend gibt der Comic-Szene eine ganz neue Chance.“

Auch Mangas sind zur Zeit ziemlich angesagt.

„Von der japanischen Comic-Industrie halte ich wenig. Dort zeichnet sich eine Verbrauchskultur ab. Da werden 5000 Seiten kurz gelesen, zerfleddert und in den Papierkorb geworfen. Wie die Bildzeitung: reine Kosumsache ohne geistige Ansprüche.“

Wie siehst Du die Zukunft der Comics?

„Die Comics der Zukunft werden rund und dünn sein und auf eine CD-ROM passen. Zwar wird es noch die bibliophile Form geben, welche allerdings sehr viel teurer sein wird. Vor ein paar Jahren zeichnete sich dieser Trend schon ab, ging jedoch wieder zurück. Die Silberscheibe wird den Comic aber nach und nach ersetzen.“

Interview: A. Savva
Foto: Sebastian Purps
Kurt Werth

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