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Seit Mitte April sitzen mehr als 50 Menschen vor dem Chinese Theater in Los Angeles. Nicht etwa weil sie gegen den Krieg im Kosovo demonstrieren, sondern weil sie bei einem anderen Krieg an vorderster Front dabei sein wollen. Jeden Tag werden es mehr. Rund 40 Tage verbringen diese Leute im Schlafsack vor einem Kino, nur um die Uraufführung des neuen „Krieg der Sterne“-Abenteuers zu sehen. Am 19. Mai werden sie dann erlöst.
Verrückte? Traurige Einzelfälle? Verrückt sind diese „Star Wars“-Jünger vielleicht, aber gewiß keine Einzelfälle! Überall in amerikanischen Städten formieren sich Warteschlangen und auch in Europa sind solche Events geplant. Allerdings gibt es auf unserer Seite des Atlantiks noch ein anderes sonderbares Phänomen: Reisebüros in England, Spanien und Deutschland vermelden einen Boom bei Kurzreisen in die USA Ende Mai. Der Grund: viele europäische Fans wollen nicht bis Juli, August oder gar September warten, um die Vorgeschichte der „Krieg der Sterne“-Trilogie zu erleben. Ein englischer Veranstalter bietet sogar das USA-Star-Wars-Kombi-Ticket an: Flug, Hotel und Kinokarte.
Autor, Regisseur und Produzent George Lucas könnte sich eigentlich entspannt zurücklehnen und darauf warten, daß „Star Wars – The Phantom Menace“ der erfolgreichste Film aller Zeiten wird, doch Lucas bleibt skeptisch. In den Liner Notes für den neuen Soundtrack von Altmeister John Williams klingen Bedenken an, ob eine „Star Wars“-Episode ohne Han Solo, Luke Skywalker und Prinzessin Leia den durchschlagenden Erfolg der Original-Trilogie wiederholen kann. Alle Zeichen deuten allerdings darauf hin. Nie gab es für einen Film größere Merchandise-Deals (siehe SUBWAY 2/99) und niemals haben Millionen von Fans über Monate derartig auf einen Filmstart hingefiebert. Als der zweite Kino-Trailer im Internet veröffentlicht wurde, haben sich innerhalb von zwei Tagen mehr als drei Millionen Menschen die 20 Megabyte große Datei aus dem Netz heruntergeladen. Neuer Internetrekord! Es sieht sogar ganz danach aus, als würden alle anderen Studios für „The Phantom Menace“ das Feld räumen, denn bislang startet parallel zum neuen „Krieg der Sterne“-Streifen nur ein einziger Film in den USA: Eine romantische Komödie mit Julia Roberts. Um die fehlende Zugkraft der altbekannten Protagonisten aufzufangen, hat Lucas vorgebaut und equivalente Charaktere in seine Geschichte eingeflochten. Statt einer rebellischen Prinzessin gibt es nun gleich die kämpferische junge Königin, statt dem naiven Jedi-Lehrling zeichnet Lucas nun das Bild des draufgängerischen Jung-Jedi Obi Wan Kenobi.
Die Story des ersten Teils bezeichnet George Lucas als romantisches Abenteuer. Die Hauptsorge der Fans ist allerdings, daß „Krieg der Sterne – Die dunkle Bedrohung“ ein noch größerer Kinderfilm wird, als es die „Rückkehr der Jedi Ritter“ war. In keinem Teil gab es bislang derartig viele Außerirdische, die dem Aussehen nach, direkt aus der Muppet-Show entsprungen sein könnten. Und mit dem neunjährigen Anakin Skywalker, konzentriert sich Lucas auf das Gefühlsleben eines Kindes. Besonders bedenklich stimmt die Fans dabei eine Szene, bei der Anakin mit einem Gamorrean-Kind beim Spielen gezeigt wird. Auch die Idee, die liebgewonnenen bösen, weißen Stormtrooper durch Kampfroboter zu ersetzen, entzweit die Fangemeinde. Doch Lucas beschwichtigt bereits: Die sogenannten Battle-Droids seien praktisch die Vorläufer der Stormtrooper, so wie die neu vorgestellte Handelsföderation der Vorläufer des Imperiums sei. In Teil Zwei oder Drei entstehe das Imperium, Anakin Skywalker würde zu Darth Vader und auch die Sturmtruppen seien dann wieder mit von der Partie.
Obwohl George Lucas bei jeder Gelegenheit betont, daß es schwer sein würde ,„Titanic“ vom Thron des erfolgreichsten Films der Geschichte zu stoßen, arbeiten Strategen bereits an einem Konzept, die ohnehin große „Star Wars“-Zielgruppe zu erweitern. Einer der Hauptgründe für den unvergleichbaren Durchmarsch von James Camerons Dampferepos war die Tatsache, daß sich vor allen Dingen Frauen von dem Film angesprochen fühlten. Star Wars gilt dagegen immer noch als Männer – Entschuldigung – Jungen-Film. Mit speziellen einminütigen Fernsehwerbespots soll die romantische Seite der „dunklen Bedrohung“ in den Vordergrund gestellt werden. Und in der Tat scheint sich der neue „Krieg der Sterne“-Film noch mehr an klassischen Abenteuern und Märchen zu orientieren. Der Planet Naboo wartet mit grünen Wiesen, verwunschenen Wäldern und einem sagenhaften Märchenschloß auf. Dabei bleibt Lucas aber klar bei seinem Erfolgskonzept: Der Initiation eines jungen Helden, der Freunde und Familie zurücklassen muß, um in die Welt zu ziehen und Gefahren zu bestehen. George Lucas bezieht sich in Interviews und der aktuellen „Star Wars“-Ausstellung im Smithonian-Institute in Washington immer wieder auf vorhandene Mythenmuster. Ungewöhnlich für die „Krieg der Sterne“-Saga ist allerdings, daß gleich im ersten Teil der neuen Trilogie verschiedene Hauptdarsteller sterben müssen. Vielleicht ist dies eine Art Vorausnahme des zweiten Teils, der laut Meister Lucas der düsterste aller „Star Wars“-Filme werden wird. Die Vorbereitungen für „Episode 2“ laufen bereits auf Hochtouren: Im Juni beginnt die Produktion offiziell. Gedreht wird in Australien, England, Italien und den USA. Der fertige Film kommt allerdings erst im Jahr 2002 in die Kinos. „Episode 2“ soll übrigens der erste Film werden, der digital gedreht wird. Auf herkömmliches Filmmaterial wird von Anfang an verzichtet. Ferner soll der Film mit einem neuen Vorführverfahren auch digital gezeigt werden. Diese Art der Filmpräsentation soll ein brillianteres, superscharfes Bild im Kino liefern. Daß dieses Verfahren mal wieder aus dem Hause Lucas kommt, ist dabei eine Selbstverständlichkeit. Daß es schon existiert, beweist die Filmfirma bereits im Juli dieses Jahres: Noch vor dem deutschen Filmstart kommt in drei US-Städten eine Spezialversion von „The Phantom Menace“ heraus, die in der neuen digitalen Form gezeigt wird. In Deutschland wären die Fans sicher schon zufrieden, wenn der Film nicht erst am 19.8. anlaufen würde.
Text: Henrik Ballwanz Foto: Lucasfilm
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