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Es ist ein dunkler und kalter Februarmorgen. Während sich die ersten Arbeitnehmer aus ihren Betten wälzen, schreitet bereits eine Gruppe Mönche, die Häupter tief in ihren Kutten vergraben, durch die kahlen Gänge des Dominikanerklosters in der Brucknerstraße. Lateinische Verse murmelnd, wandern sie zurück in ihre kargen Zellen. Dort werden sie sich noch eigenhändig sechsundzwanzig Hiebe mit der Dreischwänzigen geben. Zum Gefallen Gottes.
Bevor wir jedoch zu tief ins Mittelalter abgleiten, sollten wir uns ins Gedächtnis zurückrufen, daß wir nicht mehr zu Zeiten William Baskervilles „im Namen der Rose“ leben. Solche Schmerzprogramme findet man heute eher im SM-Club. Und Gott würde es wohl auch nicht gefallen, wenn seine Jünger sich vor Übermüdung auf die Augenringe treten.
Somit sitze ich (gottseidank) erst um 9.30 Uhr im Empfangszimmer des Klosters St. Albertus Magnus den Patern Hans-Albert Gunk und Bernd Hohmann gegenüber. An den Wänden hängen Fotographien. Abstrakte geometrische Spiegelungen verglaster Hochhauswände. In der Ecke der Anschluß einer Telefonanlage. Neben der Tür hängt ein schlichtes Jesuskreuz. Pater Hans-Albert kämpft mit seinem Handy, das unerbittlich klingelt.
„Also, um 5.30 Uhr aufzustehen wäre in unserer heutigen Situation doch ziemlich unpassend. Da wir Mönche heute nicht mehr auf den Äckern arbeiten und so aufs Tageslicht angewiesen sind, beginnt unser Tag auch etwas später. Viele Angebote finden abends statt und wenn es bis in die Nacht reingeht, wären wir ja nur noch kaputt und müde“, erläutert Pater Hans-Albert. Und somit beginnen die sechs Mönche ihren Tag um 8.30 Uhr mit einem halbstündigen Gebet in der Kirche, gefolgt vom gemeinsamen Frühstück. Danach geht jeder seinem Tagwerk nach. Alle Bereiche innerhalb der Gemeinde sind aufgeteilt. So ist einer für die Kinder- und Familienarbeit zuständig, ein anderer arbeitet als Krankenhaus-Seelsorger.
Pater Bernd Hohmann und Pater Hans-Albert sind neben ihrer Arbeit als Seelsorger und Pfarrer jedoch auch noch für weitere Bereiche zuständig, die man so nicht unbedingt von einem Geistlichen erwarten würde. Sei es die Wartung der hauseigenen Homepage (http://www.dominikaner.de) oder die Organisation von Seminaren. „Wir haben einige Angebote aufgebaut, die mit der eigentlichen Gemeindearbeit nur nebensächlich etwas zu tun haben. Da gibt es einerseits das sogenannte „Forum extra“, wo wir Referenten einladen. Wir hatten einmal einen budhistischen Mönch da, aber auch bekannte Persönlichkeiten wie z.B. Ignaz Bubis“, so Pater Bernd Hohmann. Desweiteren gibt es seit Jahren die beiden Reihen „Kunst im Kloster“ und „Kino im Kloster“. Pater Hans-Albert nimmt Kontakt zu Künstlern auf, die dann im Kloster ihre Werke ausstellen. Dabei ist es unwichtig, ob die Künstler katholisch oder evangelisch sind, sondern daß es „gute Kunst“ ist. Pater Bernd hat vor elf Jahren begonnen, im Kloster eine Auswahl von Filmen zu zeigen, die einen gewissen Anspruch und Tiefe haben. „In der jüngeren Vergangenheit haben wir z.B. „Muriels Hochzeit“ und „Leaving Las Vegas“ gespielt. Es sollten Filme sein, die künstlerisch und inhaltlich wertvoll sind. Ich habe auch schon „Heat“ gezeigt, bei dem man die Werthaltung zwar anfragen kann, der aber als Film hervorragend ist.“ Die Angebote des Klosters stoßen auf rege Teilnahme. Jeweils zwischen achtzig und zweihundert Besucher kommen zu den Austellungen, Lesungen und Vorführungen. Und das sind nicht nur Mitglieder der eigenen Gemeinde. Das ist jedoch auch nicht Sinn und Zweck dieser Aktionen. Pater Hans-Albert weist darauf hin, daß es kein plumper Versuch sein soll, die Leute in die Kirche zu locken. Vielmehr sollen diese Reihen eine kulturelle Plattform darstellen und zur Kommunikation anregen.
Wo aber bleibt die Ordensgemeinschaft, wenn jeder Pater für sich arbeitet? „Auch wenn jeder von uns seinen Teil der Arbeit verrichtet, so sind wir doch eine enge Gemeinschaft. Man kann sich das ähnlich einer Wohngemeinschaft vorstellen. Nur daß wir nicht als Freunde oder aus finanziellen Gründen zusammengezogen sind, sondern uns über unsere spirituelle Entscheidung dem Dominikanerorden beizutreten, gefunden haben.“ erzählt Pater Bernd Hohmann. „Jeder von uns bewohnt ein Zimmer und man trifft sich in der Küche oder im gemeinsamen Wohnzimmer. Darum haben wir einen Küchendienst eingerichtet, und jeder muß dem Putzplan nachkommen.“ Daß solches bei einem sechs-Personen-Haushalt nicht reibungslos funktioniert, ist klar. Auch Kirchenmänner sind halt keine Engel. Aber die Spanne von 29 bis 74 Jahren unterscheidet sie dann doch von der allgemeinen Studenten-WG. Das Durchschnittsalter der Braunschweiger Mönche liegt bei Mitte vierzig. Aber um den Nachwuchs macht man sich bei den Dominikanern keine Sorgen. „In unseren Bereich, der sogenannten teutonischen Provinz, treten jedes Jahr etwa vier bis sieben Leute ein. Nach einem einjährigen Noviziat kann man erst einmal für drei Jahre die Gelübte ablegen und danach entgültig entscheiden“, erläutert Pater Hans-Albert. „Im Gegensatz zu anderen Orden bleibt man bei uns nicht sein Leben lang in der gleichen Abtei. Alle jungen, die bei uns eintreten, treffen sich im Kloster im Worms. Wobei „jung“ mißverständlich ist. Immer mehr Leute treten mit etwa vierzig Jahren ein. Sie haben alle schon eine Geschichte und einen Beruf ausgeübt, z.B. Rechtsanwalt oder Psychologe.“
Wer als Mönch Theologie studieren will, dem steht dies frei. Jedoch ist das heute keine Vorschrift mehr. Fakt ist, daß man entweder Abitur oder eine abgeschlossene Berufsausbildung haben muß, um bei den Dominikanern aufgenommen zu werden. Da man miteinander lebt, plant und arbeitet, möchte man nicht Gefahr laufen, zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft zu werden wie in der Vergangenheit, als es die Priester und die einfachen Brüder gab. Was jedoch noch gleich ist, sind die drei grundlegenden Gelübte: Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam. Dabei klingen diese Werte in unserer Zeit doch merkwürdig antiquiert. Pater Bernd gibt zu bedenken: „Ich habe Freunde, von denen wesentlich mehr Gehorsam in ihrer Firma gefordert wird als von mir hier im Orden. Ich habe es gelobt und die haben einen Vertrag unterschrieben. Das gleiche mit der Armut. Wir leben in einer Gütergemeinschaft. Als ich in den Orden eingetreten bin, hatte ich vielleicht dreißig Schallplatten. Zu neunt hatten wir plötzlich einen ganzen Schrank voll. Es ist immer eine Frage der Perspektive.“ Und Pater Hans-Albert fügt schmunzelnd hinzu: „Bezüglich der Ehelosigkeit kann man ja auch überlegen, ob sexuelle Beziehungen wirklich Probleme lösen oder vielleicht doch eher welche schaffen...?“
Text: Lutz Bonneberg Foto: Constantin Harazim
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