Der Firestarter im Dirtchamber

Prodigy-Mastermind Liam Howlett über Old School, Dance und Massenbewegungen

„Bann this record“, verurteilte die britische Presse den Release von Prodigys „Firestarter“. Trotzdem oder gerade deswegen war dieser Song der erste Nr.1-Hit für die vier rüden UK-Electronic-Punks – das dazugehörige Album „The Fat of the Land“, eine der wegweisendsten Veröffentlichungen dieses Jahrzehnts. Wo auch immer sie auftauchen: The Prodigy stehen im Mittelpunkt. Vor allem natürlich dank der beiden energetischen Shouter Keith Flint und Maxim Reality sowie Tanz-Leptosom Leeroy Thornhill. Hat die Band ihren visuellen Erfolg diesen Dreien zu verdanken, stammt die Musik allein von Prodigy-Mastermind Liam Howlett. Der kreative Herrscher über Sounds und Samples hat mit „The Dirtchamber Sessions Volume 1“ soeben ein rohes Mix-Album unters Volk geworfen, das die Wurzeln der derben Techno-Rocker offenbart. SUBWAY fühlte Klangtüftler Liam Howlett kräftig auf den Zahn.

SUBWAY: Wie kamst Du zum Mixen?

„Grandmaster Flashs „Wheels of Steel“ war eine sehr inspirierende Platte für mich. Damals dachte ich: Wow!, ich muß mir einfach nur ein paar Turntables zulegen und kann genau so ein fettes Ding machen. Ich kaufte mir dann zwei Plattenspieler und ein Mischpult – die nächsten paar Jahre hat mich keiner meiner Freunde gesehen. Ich wurde total zum Einsiedler und verließ meine Wohnung nur noch, um neue HipHop-Platten zu besorgen. Wenn ich heute Songs schreibe, höre ich mir zwei- bis dreihundert Platten gleichzeitig an und lasse mich inspirieren.“

Nach welchen Kriterien suchst Du Deine Platten aus?

„Meine Plattensammlung besteht fast ausschließlich aus Old-School-HipHop. Auf der „Dirtchamber Session“ sind jene Songs vertreten, die ich sowieso meistens höre, wenn ich komponiere. Ich habe Sachen ausgesucht und zusammengemixt, die mich in den letzten acht Jahren wirklich beeinflußt haben. Geendet hat das in einer absolut seltsamen Zusammenstellung von Songs. So’n Ding wie „The Mexican“ ist fast schon ein Progressive-Rock-Song, aber das Teil ist mein absoluter Lieblingstrack auf dem Album, auch die Sex Pistols waren sehr wichtig für mich. Natürlich kam ich auch an Big Beat-Produktionen von Fatboy Slim oder den Chemicals nicht vorbei. Aber normalerweise kann mich die heutige Dance-Szene nicht mehr so begeistern.“

Wie lange hast Du an „Dirtchamber“ letztendlich herumgefrickelt?

„Ich habe das gesamte Material in fünf Tagen zusammengebastelt. Für den Mix mußte ich erstmal einen alten Plattenspieler aus dem Schuppen holen, denn ich bin noch nicht mal DJ, was viele jedoch immer glauben. Es ist alles einfach passiert, nichts davon war geplant. Am Anfang hatte ich nur die Idee, über ein paar alte Stücke ’nen Beat zu rocken, so daß es ninetees-mäßig klingt.“

Nur fünf Tage? Hast Du überhaupt Zeit zum Essen gehabt?

„Ich habe mich fast ausschließlich von Zigaretten und Bier ernährt. Ich bin an die Arbeit gegangen, habe jede Menge gequarzt und sehr viel Bier in mich reingeschüttet. Morgens habe ich mich schon im Morgenmantel in mein Studio gesetzt und angefangen zu mixen. Dadurch, daß das Studio in meinem Haus ist, hatte ich auch keinen Druck von außen und konnte völlig relaxt an die Sache rangehen.“

Inwieweit spiegelt das Album Dich als Individuum wieder?

„Ich versuche nicht irgendein Bild von mir zu konstruieren. Das würde man sicher merken. Ich bin echt so ein HipHop-Typ, und schon immer gewesen. Anstatt am Wochenende mit Kumpels zu saufen und Frauen aufzureißen, hing ich lieber in Plattenläden rum oder habe die frischesten und fettesten Graffitis von London gesucht. Dieses Mix-Album unterstreicht einfach meine Liebe zum HipHop, anders als es eine Prodigy-Scheibe tut, denn hier kommen immer noch die Einflüsse der anderen zum Tragen. Keith ist z.B. jemand, der den Rock-Aspekt verwirklicht sehen will, während Leeroy dann eher Groove fordert.“

Du hast mal gesagt, daß Du die musikalischen Grenzen zwischen den Generationen und Szenen einreißen willst. Ist diese Platte der Versuch?

„Ganz genau das ist es, was ich mit meiner Musik erreichen will. Ich sehe auch The Prodigy nicht als einen Teil der britischen Musikszene. Wir sind kein Wegwerfprodukt wie die meisten Bands, die heute auf den Markt kommen und einfach nicht das Potential haben, langfristig zu überzeugen und durchzuhalten. Es gibt nicht mehr viele Gruppen, wie z.B. Oasis, die die Massen ansprechen und ein Stück Kultur und eine Bewegung repräsentieren.“

„Dirtchamber Sessions Volume 1“ klingt nach einer Fortsetzung...

„Ja, vielleicht mache ich nochmal irgendwann ein Volume 2. Kommt drauf an, ob ich Bock dazu habe. Aber der Name klingt doch eher nach einem Schwulenporno-Magazin, oder? Na ja, das hat sich halt Keith mal wieder ausgedacht (lacht).“

Interview: Henning Schmidt
Foto: XL Rec./Intercord
Liam Howlett

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