Spaß muß sein!

El Kurdi spricht deutsch

Ich hatte mal einen Sozialkundelehrer, der immer, wenn er vom sozialen Gefüge der Bundesrepublik Deutschland sprach, in gerade ritueller Weise die Formulierung Leistungs- und Konsumgesellschaft benutzte. Leistungs- und Konsumgesellschaft, sagte er mit schwer kritischem Unterton, bedeutet, daß alle immer mehr leisten müssen, um immer mehr konsumieren zu können. Tja, das wäre die Idee vons Janze, und wer sich dem nicht unterwerfen wolle oder könne, der würde ausgegrenzt. Wie wahr, wie wahr! Und schön ist das wirklich nicht, schließlich machen auch die Faulenzer und Asketen, die Behinderten und Bescheidenen unsere Welt bunter und reicher. Aber jedesmal, wenn mein Lehrer zu seiner Litanei anhob, dachte ich ihm lautlos mitten ins Gesicht: Wenn in unserer Welt tatsächlich nur Leistung und Konsum zählten, dann wärst du lethargischer Arsch kein Lehrer mit Pensionsanspruch und würdest für deine permanente Weigerung, mal ein paar Mark für eine etwas attraktivere Hose auszugeben, öffentlich gesteinigt. Aber wie gesagt, ganz unrecht hatte er nicht, und wer weiß, vielleicht liegen auch diejenigen nicht ganz falsch, die heutzutage bei jeder Gelegenheit kulturkritisch anmerken, wir lebten in einer Spaßgesellschaft, in der die Ernsthaftigkeit langsam aber sicher flöten gehe und einer zunehmenden Infantilisierung Platz mache. Ich persönlich kann das allerdings nicht bestätigen. Diese Menschen beziehen sich in der Regel nur auf banale Äußerlichkeiten wie den Umstand, daß sich heutzutage jedes popelige Hallenbadensemble Spaßbad nennt oder darauf, daß man, wenn man Glück hat, im Sommer am Baggersee Menschen beobachten kann, die in der neuen Fit for Fun blättern, dazu ein alkoholfreies Jever Fun schlürfen, um anschließend die Alkoholfreiheit des Bieres durch einen kräftigen Schluck Berentzen Apfelkorn (= Knackiger Spaß im Glas) aufzufangen. Desweiteren führen sie an, daß es im Deutschen Fernsehen immer weniger ernsthafte politische Magazine gäbe, dafür aber immer mehr zynische Comedysendungen, bei denen sich das Volk zu Tode amüsiert. Ach ja, und die letzten freien Minuten würden mit teuren Fun-Sportarten vollgepackt, und wahrscheinlich führe das alles direkt in die verspielte, kindliche Barbarei, Herr der Fliegen etc. pp. Nun wäre ich der letzte, der bezweifeln möchte, daß wir kurz vorm Weltuntergang stehen (schließlich wurde ich apokalyptisch erzogen), aber daß dieser mit der Errichtung eines totalitären Spaßregimes zusammenhängt, halte ich doch für unwahrscheinlich. Und stimmt das denn überhaupt, daß wir alle nur noch vergnügungssüchtig sind? Daß wir alles Negative ignorieren und verdrängen? Und vor allem: Haben wir wirklich Spaß? Wenn ich mich so umschaue, dann sehe ich in der Regel nur verkniffene Mienen und lange Gesichter. Nix mit Spaß und Lebensfreude. Die einzigen, die konsequent lächeln, sind Manager und Geschäftsleute der gehobenen Ebene, die anderen für viel Geld irgendeinen Auftrag aus dem Arsch leiern oder überflüssigen Dreck andrehen wollen. Aber die haben das Lächeln ja auch auf obskuren Managerseminaren in die Fresse getackert bekommen. Seien wir ehrlich: in Wahrheit steht die Mehrheit der Deutschen doch kurz vorm Selbstmord und ist überhaupt nicht amused. Und da macht es auch überhaupt keinen Unterschied, ob es sich bei den jeweiligen Personen um Konsumenten der Spaßkultur handelt oder um ernsthafte Wichtigtuer, die nie fernsehen, allerhöchstens mal arte oder 3sat. Schlecht drauf sind sie alle. Meine Teigwarenfachverkäuferin in der Bäckerei um die Ecke z.B. haßt mich entweder persönlich oder sollte sich schnellstens Prozac verschreiben lassen. Jedesmal wenn ich den Laden betrete, knurrt sie: Ja?. Nicht Gute durch’s Leben, durch den Kosmos. Auf der Suche nach der Spaßgesellschaft...

El Kurdi









WebHits Counter