Es ist Zeit zu geh’n, Freunde

Dieter Thomas Kuhn, Gärtner im Garten der Liebe, erntet die letzten Sonnenblumen

Alle, die den Schlager nie verstanden und nie geliebt haben, werden sagen: Danke!, daß Du aufhörst, Dieter. Die anderen jedoch werden in tiefe schwarze Löcher fallen. Bekennende Brusthaartoupet-Fetischisten, Fönwellen-Liebhaber, hormonell herausgeforderte Teenies, Freunde des schlechten Geschmacks und die Haarpflegemittel-Industrie werden noch in diesem Jahr vor dem Nichts stehen. Denn die Kunstfigur Dieter Thomas Kuhn nimmt Abschied. Abschied vom Schlager und Abschied vom Garten der Liebe. Doch kein Lebewohl ohne rekordverdächtige Tour. Nach dem Motto „Wer Liebe sucht – Zeit zu geh’n“ tourt der engelsblonde Schlagerbarde noch einmal durch die Republik und wird auch am 9.5. vor der Stadionsporthalle Hannover und 12.5. vor der Braunschweiger Stadthalle nicht halt machen. Bevor er sein Pferdehalfter jedoch endgültig an die Wand hängt, sprach SUBWAY noch einmal mit dem Helden des Neuen Deutschen Schlagers.

SUBWAY: Was waren die auslösenden Faktoren, Deine Schlagerkarriere zu beenden?

„Es gab keinen konkreten Auslöser, sondern es ist eigentlich eine Geschichte, die zurückgeht bis zu unseren Anfängen. Schon im ersten Jahr haben wir uns gegenseitig versprochen und auch in der Presse bekanntgegeben, daß wir den Zeitpunkt erkennen werden, wann Schluß ist. Wir haben jetzt einfach das Gefühl, es ist genug. Nicht, weil es keinen Spaß mehr macht, aber wir wollten das Ganze in guter Erinnerung behalten und nicht zu einer peinlichen Aktion werden lassen.“

1998 war das Jahr für den Neuen Deutschen Schlager. Wie hast Du diese Zeit erlebt?

„Für mich war es natürlich ein grandioses Jahr, aber trotzdem war durch den Hype mit dem Kollegen Horn auch zu spüren, daß jetzt ein bißchen der Ausverkauf stattfindet. Das war es nicht, was mich vergrämt hat, sondern einfach eine Erscheinung, die so hinzunehmen ist. Aber es ist bestimmt mit ein Grund, warum das Ganze nicht mehr so spannend ist, wie es mal war. Ich weiß nicht, ob wir da jemals einen draufsetzen können, aber eine Veränderung müssen wir jetzt einfach machen.“

Wie beurteilst Du im Nachhinein diesen ganzen Grand-Prix-Wirbel?

„Ich hätte mit Guildo Horn nicht gerne getauscht. Ich fand es eigentlich unnötig, weil er der Sache, die wir beide geschaffen haben, vielleicht doch hätte treu bleiben und sich nicht durch diese Maschinerie hätte drehen lassen sollen. Das hat dem Ganzen eher Schaden zugetragen. Er war dadurch natürlich eine zeitlang der berühmteste Mann Deutschlands, aber seiner Karriere hat das nicht besonders gutgetan. Er hat sich sogar von seiner Band getrennt. All das sind so Faktoren, die gibt es bei uns nicht. Der Grand Prix war für mich noch interessant, als ABBA damals als Newcomer mit „Waterloo“ dabei waren. Lang ist’s her. Danach hat das an Bedeutung verloren und wurde einfach farblos. Ich hoffe, daß der Grand Prix bald wieder den Stellenwert hat, den er verdient – nämlich gar keinen.“

Wird der Neue Deutsche Schlager mit der Figur Dieter Thomas Kuhn sterben?

„Hmm, ich möchte jetzt nicht sagen, daß ich mir das wünsche. Er wird aber bestimmt nicht mehr diesen Stellenwert haben. Ob er sterben wird, weiß ich nicht, denn den Deutschen Schlager hat es immer gegeben. Ich glaube nicht, daß da so schnell ein Nachfolger kommen wird, und ich glaube auch nicht, daß die Originale, also die ernsthaften Schlagerinterpreten, von unseren Fans als Ersatz herangezogen werden – hoffentlich.“

Was würdest Du als den größten Verdienst in Deiner Karriere beschreiben?

„Wir haben in diesen sechs Jahren unheimlich was bewegt. Ich will es nicht überbewerten, aber wir haben ein Stück weit Musikgeschichte geschrieben. Das Schlagerrevival mit angeleiert zu haben und wieder ein Live-Erlebnis anzubieten, wo die Leute Party machen und mitsingen können. Das sind alles Sachen, die gab es vorher so nicht mehr.“

Die Sonnenblume taucht bei Dir des öfteren als Symbol auf. Was bedeutet Sie Dir?

„Das witzige ist ja, daß ich das gar nicht angeleiert habe mit dieser Sonnenblume. Das war ein Selbstläufer, denn auf einmal kamen Fans mit Sonnenblumen, und ich fand das superschön. Mittlerweile bedeutet mir die Sonnenblume sehr viel, weil sie Wärme und Freundlichkeit ausstrahlt – genauso wie ich und meine Kapelle (lacht).“

Hat Euch, als Ihr angefangen habt, diese Wärme im Schlager gefehlt oder Euch eher die Spießigkeit und fehlende Selbstironie gestört?

„Wir haben festgestellt, daß, was die Musik betrifft, nicht alles so schlecht ist, was im Schlager passiert. Man kann einen guten Schlager auch als guten Pop-Song sehen. Trotzdem distanziere ich mich nach wie vor von dieser ganzen Schlager-Szenerie, in die wir ja nie hineingeraten sind. Wir sind auch nicht in solche Sendungen eingeladen worden, die wußten sehr wohl, mit wem sie es zu tun hatten.“

Mit Deiner Musik warst Du top, Dein Film „Der Trip“ dagegen ein totaler Flop. Enttäuscht?

„Nein, überhaupt nicht, weil ich schon bei den Dreharbeiten geahnt habe, daß das ein ziemlicher Scheiß wird. Was aber dem Spaß, den ich bei den Dreharbeiten hatte, keinen Abbruch getan hat. Das war für mich eine neue Erfahrung, die ich auch nicht missen möchte. Daß der Film den Arsch runter gegangen ist, dafür bin ich nicht allein verantwortlich. Da kommen viele Faktoren zusammen, und ich stehe dazu. Ich kann auch in zehn Jahren noch dazu stehen, weil das einfach ein Schwachsinnsfilm ist.“

Auch die Ärzte haben vor einigen Jahren Abschied gefeiert, hatten dann ein Riesencomeback und sind jetzt erfolgreicher denn je. Schwebt Dir sowas im Hinterkopf vielleicht auch vor?

„Nein, aber ich möchte wiederkommen, denn ich möchte auch in Zukunft weiter Musik machen. Aber den Kuhn, so wie man ihn kennt, mit Brusthaartoupet und Fönwelle, den wird es so nicht mehr geben. Er wird kommen und ein neues Projekt und neue Musik anbieten, vor allem live, das ist das Wichtigste. Was zu spüren sein wird, ist auf jeden Fall unsere Vergangenheit mit Soul, und ich werde wieder deutsch singen. Was aber letztendlich daraus wird, entscheiden natürlich die Fans und Journalisten.“

Interview: C. Göttner, H. Schmidt
Foto: Tom Specht
Dieter Thomas Kuhn

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