|
Für sein Kinodebüt „Stormy Mondays“ wurde Mike Figgis so hochgelobt, daß prompt Hollywood bei dem britischen Ex-Musiker und Theatermacher den nächsten Film in Auftrag gab: sein Krimi „Internal Affairs“, mit Richard Gere als korruptem Cop, geriet zum Erfolg. Doch mit „Mr. Jones“ flog Figgis gehörig auf die Nase: die Traumfabrik verbot dem Regisseur gar den Zutritt zum Schneidetisch. Um so triumphaler dann seine Säufersaga „Leaving Las Vegas“: neben dem Oscar für Hauptdarsteller Nicolas Cage entpuppte sich das Werk als großer Kassenknüller. Mit „One Night Stand“ verschaffte Figgis seinem Darsteller Wesley Snipes in Venedig einen „Löwen“. Nun präsentiert sich der Regisseur ungewöhnlich: mit assoziativen Kurzgeschichten der erotischen Art. SUBWAY sprach mit Mike Figgis.
SUBWAY: Sie haben Nicolas Cage mit „Leaving Las Vegas“ zum Durchbruch verholfen – was sagen Sie zu seinem Auftritt in „8mm“?
„Wissen Sie, was Cage inzwischen pro Film bekommt? 22 Millionen Dollar Gage! Ich habe es aufgegeben, nochmals mit ihm zu arbeiten. Es ist schon schwierig, überhaupt direkt zu ihm durchzukommen.“
„The Loss Of Sexual Innocence“ lag Ihnen schon länger am Herzen...
„Ich wollte dieses Projekt seit 16 Jahren realisieren. Jetzt war es endlich möglich. Wir haben uns absichtlich nur vier Wochen Zeit dafür gegeben, denn unter Zeitdruck fällt die kreative Leistung einfach besser aus. Ich bin auch Jazzmusiker, gerade dort spielen wir bevorzugt nach diesem Prinzip.“
Statt auf eine geradlinige Geschichte, setzen Sie auf assoziative Bilder – ist das nicht besonders schwierig?
„Ich wollte meine eigene Filmsprache neu definieren. Das Problem bei den kommerziellen Film ist, je mehr man davon dreht, desto besser beherrscht man die Manipulation des Publikums. Man drückt die entsprechenden Knöpfe, um die Zuschauer traurig zu machen oder zum Lachen zu bringen – nur darf man sie dabei auf keinen Fall zum Nachdenken über sich selbst bringen. Das Leben ist zu kurz und das Filmemachen zu interessant, als daß ich diesen Weg gehen wollte.“
Die einen lieben Ihren Film, die anderen mögen ihn ganz und gar nicht – stört Sie das?
„Dieser Film ist ein Risiko für mich. Natürlich möchte ich, daß ihn jeder mag. Gleichzeitig kann ich verstehen, wenn jemand überhaupt nichts damit anfangen kann. Es bedarf einer gewissen Sensibilität, und man muß es zulassen, sich auf diese filmische Reise zu begeben. Es gibt eine modische Antihaltung gegen anspruchsvolle Kunst. Ein Attribut „verkünstelt“ ist schick, aber für mich klingt es eher zynisch.“
Was hat es mit dem Titel auf sich – heißt „Verlust der sexuellen Unschuld“ nicht im Umkehrschluß, daß Sex gleich Schuld ist?
„In unserer Kultur wird Sex mit Schuld assoziiert. Nicht umsonst ist das erfolgreichste Genre in der Filmindustrie der Pornofilm. Pornos beruhen zum großen Teil auf Schuldgefühl: keiner redet darüber, aber jeder sieht sich die Sachen heimlich an. Daß Sex kein Vergnügen ,sondern Sünde ist, geht zurück auf Adam und Eva und die Bibel: die Frau verführt den Mann, dafür werden beide aus dem Paradies verstoßen.“
Bei Ihnen werden Adam und Eva von italienischen Faschisten aus dem Paradies getrieben...
„Beiden werden von Faschisten vertrieben, und dahinter hängt ein Jesus am Kreuz. Auch als Eva einmal Essen holt, sieht sie das Kreuz, kann aber nichts damit anfangen. Solche Szenen finde ich lustig. Überhaupt verstehe ich den Film als eine schwarze Komödie über Adam und Eva.“
Einem schwarzen Adam...
„Es war an der Zeit, daß Adam endlich einmal mit schwarzer Hautfarbe gezeigt wird. Es ist schließlich erwiesen, daß die ersten Menschen Schwarze waren. Erst unsere Arroganz hat daraus Weiße gemacht. Aber Christen haben kein Monopol auf die Religion. Ich bin kein Anhänger von solch organisierter Religion. Da spielen Macht und Politik eine viel zu große Rolle.“
Wieviel Mike Figgis steckt denn in Ihrem Filmhelden Nick?
„Bei manchen Szenen sind es 100 Prozent. Etwa die Erinnerungen mit dem dicken Schüler, den man im Turnunterricht piesackt oder das Pärchen, das beim ersten Mal vom Vater überrascht wird. Bei den Erwachsenenszenen handelt es sich zum Teil um Metaphern, andere Dinge habe ich selbst so erlebt, etwa das zufällige Zusammentreffen mit einem Doppelgänger. Bei einer Schiffsreise auf dem Nil stand plötzlich mein Doppelgänger vor mir: wir beide samt unserer Frauen konnten es nicht fassen, so groß war die Ähnlichkeit.“
„Leaving Las Vegas“ bekam einen Oscar, „One Night Stand“ einen Venedig-Löwen – wie wichtig sind solche Preise für Sie?
„Für einen Augenblick lang befriedigen sie die eigene Eitelkeit. Aber nach kurzer Zeit fühlt man sich unwohl. Festivals sind wie ein Pferderennen für Filme – dieser Gedanke ist für einen Regisseur nicht angenehm. „Leaving Las Vegas“ wurde von Cannes und Venedig damals abgelehnt. Als er den Oscar bekam, haben mir plötzlich alle auf die Schulter geklopft, am heftigsten jene, die den Film zuvor nicht mochten. Mich hat es viel mehr befriedigt, als ich gelesen habe, daß mein Film einer der lukrativsten des Jahres war. Er war sehr billig und machte mehr Profit als „Twister“ – das war für mich die süßeste Rache an Hollywood.“
Interview: Dieter Oßwald Foto: Tobis
|