Zwischen Daimler Benz und Soljanka

Im November ist der 10. Jahrestag der Grenzöffnung – ein verfrühter Besinnungsaufsatz

Deutschland im April, kurz vor der Jahrtausendwende: Ja, wer hat denn hier an der Uhr gedreht? Wo ist sie nur hin, die gute alte Zeit? Die NATO führt mit deutscher Beteiligung einen Angriffskrieg auf dem Balkan, die Arbeitslosenzahlen steigen, die Löhne sinken, neue Bedrohungen, neue Krankheiten, neue Unbill – die Zukunft mag auch notorischen Frohnaturen momentan eher düster erscheinen. Aber war da nicht mal was? Blicken wir also zurück in die jüngere Vergangenheit, als die Erde noch ein vergleichsweise kuscheliges Paradies gewesen sein muß: im November ’99 jährt sich ein Ereignis zum zehnten Mal, das jene mindestens welthistorischen Ausmaße hatte, die man hierzulande traditionell so zu schätzen weiß: Damals, als das „Reich des Bösen“ (Ronald Reagan) auseinanderzubröseln begann, mit der Folge, daß unseren „Brüdern und Schwestern im Osten“ plötzlich das Tor zur Welt, zumindest aber das Tor zum Westen, offenstand; damals, als die Deutschen „endlich wieder ein Volk“ waren; damals, als „die ganze Welt“ auf das beleibte Land in Mitteleuropa schaute; damals – tja, damals war das eben der Beginn der Wiedervereinigung. Friede, Freude und amerikanische Filterzigaretten vom Rhein bis hin zur Oder. Heute fragt sich manch einer hingegen: Wie konnte es bloß dazu kommen?

Denn daß dieses „historische Ereignis“ den gemächlichen Gang der Dinge in beiden Teilen Deutschland nachhaltig verändert hat, dürfte außer Frage stehen. Aber zum Guten?

Nachdem zum Beispiel die Westdeutschen die demokratisch-emanzipatorischen Bestrebungen der Montagsdemonstranten in Leipzig und anderswo noch mit großem Wohlwollen begleitet hatten; nachdem sie den sich abzeichnenden Zusammenbruch der ostdeutschen Cordhütchen-Diktatur mit Genugtuung quittiert und die dortigen Volksmassen mit „offenen Armen“ empfangen hatten, zeigten sich schon nach wenigen Monaten Ermüdungerscheinungen bei den Bewohnern der alten Bundesländer: Immer neue, bizarr gewandete Besucher von „drüben“, die die westdeutschen Innenstädte lahmlegten und mit knotigem Akzent nach „Mallbörö“ und „Fidjöhrekördör“ verlangten, trübten den Einigkeitstaumel der ersten Tage. Die anfänglich noch marktwirtschaftshungrigen Ostdeutschen hingegen mußten schnell begreifen, daß „belogen und betrogen“ zu werden kein alleiniges Vorrecht real-sozialistischer Untertanen ist.

Auch sonst war man sich nicht mehr so richtig grün: die bösen „Besser-Wessis“ wollten keinen „Soli“ für die ewig quengeligen Ossis bezahlen, diese wollten von jenen nicht ständig bevormundet und über den Löffel balbiert werden. Und über allem liegt zudem noch bis heute ein bedrohlicher Schatten: die Stasi (bzw. „Schdohsi“), der Running Gag der jüngeren deutschen Geschichte. Ohne Wiedervereinigung, mithin also ohne Offenlegung der heute von Pfarrer Gauck verwalteten Akten, wäre zwar manch trauriges persönliches Schicksal und Schweinerei ungeklärt geblieben. Andererseits wären der Öffentlichkeit aber auch die circa zweitausend salbadernden ‘Spiegel’-Pamphlete des nervtötenden Selbstdarstellers Wolf Biermann („A la lanterne!“) erspart worden. Das sollte man nicht zu gering schätzen. Zieht sich also auch nach zehn Jahren noch ein tiefer Riß durch Deutschland, ist die berühmte „Mauer in den Köpfen“ immer noch vorhanden? Der Herbst wird’s in aller Deutlichkeit klären: Wenn im November nämlich die deutsche Journaille zum zehnten Jahrestag der Maueröffnung ihr Resümee ziehen wird. Denn das Thema bietet sich wahrlich an für weitschweifige Essays, die Antworten finden wollen, wo niemand eine Frage gestellt hat. In hundert Jahren hat sich’s wahrscheinlich von selbst erledigt, weil’s die Leute vergessen haben werden.

Bis dahin trösten sich die Menschen mit der Erinnerung: Viel ist bereits über das ‘Ostalgie’ genannte Phänomen geschrieben worden, eine Art Sehnsucht nach der verlorenen Nischengesellschaft. Fast vom Markt verschwundene Ost-Produkte erfahren mittlerweile kultische Verehrung: Rotkäppchen-Sekt und Soljanka als Retro-Style der 90er. Dieser Tage sind zudem zwei Bildbände erschienen, die an die vergangene Welt erinnern: zum einen legt der Berliner Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf mit „50 Jahre DDR“ eine kokett betitelte Sammlung von Archiv-Fotos der ostdeutschen Nachrichtenagentur ADN vor. Ähnlich verfährt auch der Photograph Thomas Billhardt, der mit „Alles war so. Alles war anders“ (Gustav Kiepenheuer) eine Auswahl seiner Bilder aus vier Jahrzehnten präsentiert. Beide Bände sind durchaus sorgsam ediert und kommentiert, und vermeiden es daher zumeist auch, vordergründig-voyeuristische Absichten zu bedienen („Was die anhatten! Schrecklich!“). Stattdessen wird in beiden Fällen versucht, ernsthaft und sachlich ein Bild vom Leben in der oft geschmähten Tätärä zu machen – auf daß die Wessis vielleicht doch noch mal verstehen, was drüben so los war. Ein Beispiel, das Schule machen sollte: denn wenn sich jetzt auch noch schnell jemand finden würde, der abschließend eine exemplarische Dokumentation des Alltags in der einstigen BRD zusammenbasteltete, dann könnte man sich getrost diese Photo-Alben allesamt ins Regal stellen und müßte nie wieder über dieses Thema reden. Und das wäre ja auch mal ganz schön.

Text: Alexander Haase
Foto: Thomas Billhardt

10 Jahre Maueröffnung

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