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Sein Kinodebüt „Kids“ geriet vor vier Jahren zum Skandal: in Cannes wollte eine italienische Kritikerin das Festival verklagen, in Amerika sorgten aufgebrachte Christengruppen dafür, daß die Disney-Studios den Streifen aus ihrem Verleih kippten – „einer der kontroversesten Filme, die je in Amerika gedreht wurden“, beschrieb das Branchenblatt „Variety“ diesen Film über einen Skateboarder, der am liebsten Jungfrauen knackt und diese dabei mit Aids ansteckt. Doch bereits bevor er mit seinem schockierenden Portrait perspektivloser Teenies im Drogenrausch für Aufsehen sorgte, machte sich Clark 1971 als Fotograf mit einem Blick für erbarmungslosen, ungeschminkten Realismus einen Namen. In seinem Bildband „Tulsa“ zeigte er einen toten Säugling in einer Kiste oder eine Schwangere, die sich Heroin spritzt. Martin Scorsese sollen Clarks Fotographien als Inspirationsquelle für „Taxi Driver“ gedient haben, Francis Ford Coppola bezeichnet sie als sehr wichtig für die Realisierung von „Rumble Fish“. Nun präsentiert Larry Clark, der 1976 ins Gefängnis mußte, nachdem er beim Pokern einen Mitspieler angeschossen hatte, seinen zweiten Kinostreich. „Ein neuer Tag im Paradies“ handelt von den kriminellen Abenteuern eine Junkie-Familie. In den Hauptrollen: die Hollywood-Stars James Woods und Melanie Griffith (Foto). SUBWAY unterhielt sich mit dem Regisseur.
SUBWAY: Spüren Sie jetzt nach dem unerwarteten Erfolg des spektakulären „Kids“ einen gewissen Erwartungsdruck?
„Überhaupt nicht. Nach „Kids“ bekam ich zahllose Drehbücher, die alle sehr ähnlich waren. Das hat mich nicht interessiert. Ich wollte etwas anderes machen. Man hatte mir z.B. auch „American History X“ angeboten, doch bei einer Studioproduktion bekommt man keinen final cut, also habe ich ablehnt. Schließlich bekam ich das bis dahin unveröffentlichte Manuskript dieses Häftlings aus den 70er Jahren. Das faszinierte mich, bei dem Thema kenne ich mich aus – immerhin habe ich genügend eigene Erfahrungen als Outlaw und Drogenabhängiger gesammelt.“
Die Darsteller in „Kids“ waren reale Kids, dieses Mal arbeiten Sie mit ausgebildeten Schauspielern – was ist angenehmer?
„Ich wollte es ausprobieren, mit professionellen Akteuren zu arbeiten. Zum Glück mochten James Woods und Melanie Griffith das Drehbuch und gaben sofort ihre Zusagen. Vor allem von Melanie fand ich das sehr mutig: im Unterschied zu sonst spielt sie diesmal nicht das nette Glamour-Girl, sondern ein 40jähriges, abgetakeltes Junkie-Wrack – hier mußte Melanie also beweisen, daß sie tatsächlich schauspielern kann. Und das ist ihr gelungen. Wie alle anderen hat sie für nur sehr wenig Geld gearbeitet. Es war ein echter Trip für sie. Und beim Dreh gab es dann auch ein paar kleinere Streitereien. Aber als der Film dann endlich fertig war, rief sie mich an und gratulierte mir. Diese Frau hat eben Klasse.“
Der junge Held Vincent Kartheiser erinnert an River Phoenix. War das Ihre Absicht oder purer Zufall?
„Vincent hat bisher nur in Teeniefilmen gespielt. Aber ich wußte, daß er diese Rollen spielen könnte. Denn er ist keines dieser verwöhnten Hollywood-Kids, sondern ein sehr bodenständiger Junge aus Minnesota.“
Drogenfilme sind nichts neues – was macht Ihren Film da anders?
„Ich war selbst schon in der Gosse, ich kenne das Milieu zur Genüge. Ich wollte einen Genrefilm machen, der realistischer ist als all die üblichen Hollywood-Streifen mit all den üblichen, abgegriffenen Klischees. Ich wollten das ganze Genre unterwandern und beschloß deshalb, ganz bewußt die Figuren in den Mittelpunkt zu stellen und nicht das Milieu.“
Larry Clark, der Moralist?
„Lachen Sie nicht: ich bin ein Moralist – auch wenn es einige Leute geben wird, die dies bezweifeln. Aber in allen meiner Arbeiten findet sich eine moralische Haltung. Das ist zwar kein primärer Beweggrund für mich als Künstler, aber es ist dennoch ein sehr wichtiger Aspekt für mich.“
Der Film beginnt mit einem Faustschlag in den Bauch und endet mit einem Schlag in das Gesicht einer Frau – welches Verhältnis haben Sie zur Gewalt?
„Die Welt ist voller Gewalt. Erst recht die Welt der Outlaws und Drogenabhängigen. Wenn ich einen realistischen Film über dieses Milieu machen will, darf ich die Gewalt nicht weglassen. Gewalt im Film hat zumeist nichts mit dem zu tun, wie sich Gewalt in der Realität abspielt. Im wahren Leben passiert Gewalt sehr plötzlich und ist sehr intensiv. Ich will zeigen, was wirklich passiert, was sich wirklich abspielt, was die wahren Folgen von Handlungen sind. Mein Ziel ist es, Filme zu machen, die zeigen, wie Dinge wirklich sind. Und vor allem, daß die Dinge unerwartet passieren “
Wie weit würden Sie bei der Gewaltdarstellung gehen?
„Ich würde soweit gehen, wie ich es für nötig halte, die Sachen so realistisch wie möglich zu zeigen. Aber um das Geld für den Film aufzutreiben, mußte ich vorab zusagen, daß wir eine Altersfreigabe bekommen. Aus diesem Grund konnte ich mich auch nicht dagegen wehren, daß die verdammten Zensoren vier Minuten aus meinen Gewalt- und Sexszenen herausgeschnitten haben. In Deutschland immerhin werden die Zuschauer die vollständige Fassung im Kino zu sehen bekommen.“
Der Film verblüfft insbesondere durch seine Energie – entstehen solche Szenen bereits vorab im Drehbuch?
„Wir wollten möglichst viel improvisieren. Wir haben die Szenen vorher nur einmal kurz grob geprobt, dann begannen wir gleich zu drehen – was die Schauspieler zu besonderer Anstrengung zwingt. Zugleich sorgt diese Arbeitsweise aber auch für eine neue Qualität, alles wirkt spürbar lebendiger.“
Warum gibt es Ihre legendären Fotobücher nicht mehr zu kaufen?
„Die sind vergriffen. Ich will keine Nachdrucke, weil ich jetzt andere Wege als Künstler eingeschlagen habe. Ich möchte nicht in der Vergangenheit leben. Wer wirklich an einem Band interessiert ist, wird ihn sich auch irgendwie besorgen können. Zudem ist gerade ein neues Buch von mir erschienen, mit Fotos und Texten.“
Was machen Sie als nächstes?
„Einen Film über Punkrock. Punk ist wieder sehr im Kommen in Amerika. Das beste Beispiel ist mein 15jähriger Sohn, der total auf diese Musik abfährt.“
Interview: Dieter Oßwald Foto: Advandced Film
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