>> weiter lesen
>> weiter lesen
>> weiter lesen
>> weiter lesen
>> weiter lesen
Praktikum mit Todesangst
Würde man Passanten auf der Straße fragen, in welchen Hauptstädten dieser Welt sie gerade auf keinen Fall sein wollen – die Antworten könnten so lauten: Pjöngjang, Bagdad, sicher Kabul. Genau dahin hat es den Braunschweiger Sascha Altenhoff verschlagen – seine unglaublich klingende Mission: Der Geschichtsstudent soll für einen Duisburger Unternehmer eine Internetfirma aufbauen und leiten – ein explosives Praktikum.
Im März landet sein Flieger auf dem internationalen Flughafen in Kabul. Afghanische Kontaktpersonen holen ihn ab. Stau in der Stadt – „Bombenanschlag", bemerkt einer der Taxiinsassen beiläufig, es klingt wie Feierabendverkehr. Willkommen in Afghanistan: Keimzelle des internationalen Terrorismus, mehr als 100 Selbstmordattentate allein in diesem Jahr, 70 Prozent Analphabeten, größter Opium-Produzent der Welt – man könnte beliebig so fortfahren. Oder auch von der traumhaften Weite des Landes, von der ausgeprägten Gastfreundschaft der Menschen und der faszinierenden Kultur berichten – ein Land der Gegensätze ist Afghanistan allemal. Anfangs zeigt sich die Stadt von ihrer freundlichen Seite. Altenhoff kann bald die Büroräume beziehen – eine Internetverbindung ist schnell organisiert. „Das geht in Kabul einfacher als bei der Deutschen Telekom", er lacht. Seine ersten fünf Mitarbeiter wählt er nach Qualifikation und Bevölkerungszugehörigkeit aus – ein westlich Angehauchter, ein streng gläubiger Moslem. Das ist wichtig in einem vom Bürgerkrieg gebeutelten Land. Durch die Stadt bewegt er sich mit dem Taxi oder zu Fuß. Zum Vergleich: Deutsche Soldaten dürfen ihre sicheren Festungen nur noch in gepanzerten Fahrzeugen verlassen – und die Amerikaner rasen aus Angst vor Anschlägen in einem Höllentempo durch die Stadt. Genau das war der Auslöser für die vielleicht einschlägigste Erfahrung im Leben des 29-jährigen Braunschweigers.
Es ist Montagmorgen in Kabul: Ein Sattelschlepper der GIs überrollt ein afghanisches Taxi, beide Insassen sind sofort tot. Passanten versammeln sich, die Stimmung kocht über, Schüsse fallen – mehr als 30 Menschen sterben. Schließlich macht sich der bewaffnete Mob auf ins Ausländerviertel: Frust ablassen, Rache nehmen, plündern. Als die Rauchwolken näher kommen, bricht in Altenhoffs Nachbarschaft Panik aus. Die Polizisten streifen ihre Uniformen ab und fliehen, wenig später Flammen auf dem Nachbargrundstück. Dort stand einmal ein chinesisches Bordell. Unbekannte tauchen auf den Dächern auf. Die Prostituierten retten sich über die Mauer und verstecken sich im Badezimmer des Braunschweigers. Eine von ihnen wird auf der Straße halb totgeschlagen. Und Altenhoff: „Ich saß mit einer Weinflasche bewaffnet auf meinem Bett und habe gewartet. Ich war unheimlich klar." Also kocht er erst einmal einen Tee für seine verängstigten Badezimmergäste. Das ist der Versuch, dem Ausnahmezustand ein Schnippchen zu schlagen – durch ein Stück Normalität. Gegen 17 Uhr entspannt sich die Lage, auch weil Präsident Kasay einen Schießbefehl an Regierungstruppen ausgegeben hat.
Für die nächsten Tage taucht Altenhoff bei einem seiner Angestellten unter. Viele Geschäftspartner rufen an, entschuldigen sich für ihre Landsleute. Und der Braunschweiger macht weiter – auch aus Trotz: „Ich wollte denen zeigen: Vor euch habe ich keine Angst." Inzwischen sind sechs Monate vergangen. Es ist Weihnachtszeit im friedlichen Braunschweig. Altenhoffs Resümee: „Ich habe viel über meinen eigenen Kopf gelernt und über mich als Deutschen." Beim Weg hinaus auf die Straße fällt dann dieser letzte, scherzhafte Satz: „Hey, New York City, was willst du mir. Ich bin nachts um eins durch Kabul gelaufen."










