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Licht- und Musik-Spezialist Jean Michel Jarre am 3. März in der Volkswagen Halle

Der Audiovisionär

Jean Michel Jarre ist eine lebende Legende. Der Musiker, Komponist und Visionär entwickelte in den späten 60er Jahren seine ganz eigene Form von elektronischer Musik, die er im Laufe seiner Karriere schon an den Pyramiden von Gizeh, in der Verbotenen Stadt in Peking oder vor 1.000.000 faszinierten Zuschauern am Place De La Concorde in Paris als audiovisuelles Event in Szene setzte. Zu (verhältnismäßig) kleinen Konzerten bereist Jean Michel Jarre im Frühjahr Mitteleuropa. Ab März wird er sein Debüt-Werk „Oxygèn“ in einer multimedialen Sound- und Licht-Show auch in deutschen Arenen und Hallen darbieten.

Wie sind Sie zur Zeit des Rock'n'Roll überhaupt zur elektronischen Musik gekommen?
Ich habe damals auch in Bands gespielt, in Richtung von The Who und The Yardbirds. Sowas eben, aber auch schon immer mit dem Ansatz, Sounds zu transformieren, sie auf Tape aufzunehmen und rückwärts abzuspielen und so weiter, wie beim Progressive-Rock.
Vor „Oxygèn“ hatte ich bereits viel unterschiedliche elektronische Musik gemacht. Schon seit 1967/68. Sehr progressive experimentelle Musik! Ich hatte den Traum, mit „Oxygèn“ eine Brücke zwischen klassischer Musik und progressiver elektronischer Musik zu kreieren. Wahrscheinlich war das der Unterschied zu all den deutschen Bands, die zu dieser Zeit ebenfalls gestartet sind, wie zum Beispiel Tangerine Dream oder Kraftwerk. Kraftwerk zum Beispiel haben sich eher robotischen und maschinellen Sounds und der Technik verschrieben. Ich bin an Sound und Technik immer schon anders herangegangen. Mehr wie in der abstrakten Malerei. So wie der Künstler Jackson Pollock. Auch war das für mich immer wie kochen. Frequenzen, Texturen und Farben kochen –  auf sinnliche Art und Weise. Das war wohl der Hauptunterschied.
Was hat Sie zu dieser speziellen Herangehensweise inspiriert?
Schon als Schüler habe ich sehr viele Bilder gemalt, Abstraktionen, wie diese ganzen abstrakten Künstler. Ich habe mich damals mit Texturen, verschiedenen Materialien und Perspektiven beschäftigt. In einem sehr natürlichen Sinn habe ich dann auch elektronische Musik entwickelt. Gar nicht so sehr der Technik verschrieben, sondern eher Technik benutztend um mich mit Raum und Fläche zu beschäftigen. Mit den Dingen direkt um uns herum. Auch mit dem Bewusstsein für Umwelt und Wirtschaft. Ich dachte, elektronische Musik – ohne Wörter – würde sehr gut mit Architektur, urbanem und natürlichem Raum und so weiter funktionieren.
Wie begrenzt waren in den frühen 70er Jahren die technischen Möglichkeiten synthetische Musik zu produzieren?
Das ist eine sehr interessante Frage, denn mit analogen Synthesizern schien alles erstmal begrenzt. Aber eigentlich war das gar nicht so. Denn mit analogen Synthesizern ist mehr möglich, denn es ist nichts vorprogrammiert – alles ist frei einstellbar. Mit einem digitalen Instrument ist alles mathematisch eingegrenzt. Die Software ist aus Einsen und Nullen designt. Da geht es mehr um eine intellektuelle Herangehensweise als bei analogen Instrumenten. Und das macht einen unglaublich großen Unterschied und ist der Grund dafür, dass viele aktuelle Musiker heute von analogen Instrumenten als Teil der Mythologie von elektronischer Musik fasziniert sind. Auch, weil die Instrumente nicht mehr existieren. Es ist zum Beispiel der Traum eines klassischen Musikers – auch heute noch in 2009 – auf einem Stradivari Instrument
zu spielen, das im 17. Jahrhundert gebaut wurde. Mit allen auf der ganzen Welt verfügbaren modernen Technologien hat es bis heute niemand geschafft bessere Instrumente zu bauen. So ist es auch bei E-Gitarren. Eine Fender Stratocaster oder Gibson Les Paul aus den späten 50ern ist bis heute ungeschlagen. Da gab es eben ein bestimmtes besonderes Wissen und Know-How, das man nicht wiederherstellen kann. Und viele elektronische Instrumente und analoge Shynthesizer sind mit dem Beginn der 80er Jahre und dem großen Aufkommen der Computer verschwunden. Diese Instrumente hatten also niemals richtig die Chance erwachsen zu werden. Das ist übrigens auch eine der Hauptideen meiner kommenden Tour – all diese Instrumente auf die Bühne zu bringen. Ich und drei zusätzliche Musiker bedienen fast 70 Instrumente. Darunter viele sehr alte Analoge, denn die haben eine gewisse Wärme und Klangqualität, die man nicht durch digitale Instrumenten ersetzen kann.
Mit welchen Instrumenten und Synthesizern haben Sie damals angefangen?
Als ich anfing, habe ich eigentlich sehr wenige Instrumente benutzt. Meistens ist ja weniger sowieso mehr. Es kann auch schwieriger sein, unbegrenzte Möglichkeiten zu haben, als mit den gegeben Möglichkeiten weniger Instrumente zu arbeiten. So hatte ich zu Beginn nur zwei oder drei Instrumente. „Oxygèn“ habe ich zum Beispiel komplett mit nur fünf oder sechs Instrumenten eingespielt. Die selben Instrumente benutze ich übrigens immer noch auf der Bühne.
Sie verbinden also das Alte mit dem Neuen?
Genau. Wenn wir aber von „alten“ Instrumenten sprechen, sollten wir dabei beachten, dass sie sehr neue Eigenschaften haben. Eben wie einen Stradivari-Geige aus dem 17. Jahrhundert.

Und wie läuft das Ganze dann live auf der Bühne?
„Oxygèn“ habe ich mit acht Spuren aufgenommen, also können wir das zu viert auf der Bühne komplett live spielen. Die Schönheit des neuen Live-Projekts ist es ja auch, gerade keine vorprogrammierten Sequenzer und Computer zu benutzen. Heute ist alles voreingestellt, es erwartet einen also häufig eine recht vorhersagbare Show. Bei unserem Projekt ist alles wirklich live. Da können auch mal Unfälle passieren. Aber erst so entsteht ja eine Nähe und „Komplizenschaft“ mit dem Publikum. Wir haben keine Angst vor den Zuhörern. Das macht Spaß und erlaubt dir, etwas anderes zu machen.
Sie haben aber kein Problem mit neuen Technologien?
Nein, ich benutze ja, wie gesagt, auch brandneue, moderne Instrumente auf der Bühne. Zum Beispiel die Laser-Harfe, die ich bekannt gemacht habe, ein Instrument, dass man mit Laserstrahlen statt Saiten spielt. Ein sehr magisches und atemberaubendes Instrument. Die Laser-Harfe ist gigantisch und spektakulär, denn ihre Saiten reichen bis zur Decke der Konzerthalle. Ich benutze viele verschiedene und verblüffende Instrumente auf der Bühne.
Sie haben Ihre Musik auf der Bühne ja schon immer mit Bildern und Licht verbunden... 
Ja, das liegt an dem Unterschied zu Rockinstrumenten wie der E-Gitarre. Diese Instrumente sind für die Bühne entwickelt, für die Performance. Dann hat man später Mikrofone dran gestellt, um sie in Studios aufzunehmen. Bei elektronischen Instrumenten hingegen ist es andersrum: Sie sind in Studios und Laboratorien entwickelt. Die waren nie dafür erdacht, mit ihnen auf der Bühne zu performen. Zwei Stunden hinter dem Laptop zu stehen ist nicht besonders sexy und spektakulär. Meist macht es mehr Spaß, sich diese Musik zu Hause anzuhören. Wenn jemand ein Ticket für ein Konzert kauft, will er mehr, als nur Musik hören. Schon sehr früh bin ich dieses Problem angegangen, indem ich versucht habe eine visuelle Schnittstelle für meine Musik zu finden, eine Art sichtbaren Dialog zwischen Licht und Ton.

Was inspiriert Sie zu den Bildern und Projektionen der Show und was sollen diese beim Zuschauer auslösen?
Mich haben schon immer die Oper und das Theater interessiert, allerdings auf eine verrückte High-Tech Art und Weise. Also nicht wie in einem Film, der den Leuten eine Geschichte erzählt. Mit meiner Musik mache ich vielmehr den Soundtrack zu einer Geschichte oder einem Film, den jeder einzelne im Publikum für sich selbst neu erschafft. Die Grafiken sind also keine Videoclips und erzählen keine Geschichten wie ein Film. Da kann man sich ja gleich einen ansehen. Es geht mehr um außergewöhnliche Farben und Texturen und so etwas. Und darum, den Sound zu erweitern, indem das Publikum total in die Sensation und die Gefühle der Verbindung von Licht und Ton eintaucht. Die Videos zum Beispiel sind eher grafische Konstruktionen. Ich arbeite momentan auch viel mit 3D. Allerdings ohne Brillen.
Sie haben früher aber auch Soundtracks gemacht?
Ja, ein paar. Mein Vater war ein bekannter Filmmusik-Komponist. Ich habe das immer mehr als das Gebiet meines Vaters betrachtet und mich da deshalb nie soweit reingesteigert. Dadurch habe ich leider auch viele Möglichkeiten verpasst. Heute interessieren mich Soundtracks sehr und ich würde gern mehr machen. Ich habe erst kürzlich einen Soundtrack für einen deutschen Regisseur namens Volker Schlöndorff gemacht. Es war eine echte Freude und ein Privileg mit so einem talentierten Regisseur zu arbeiten.
Gibt es einen Film zu dem Sie gerne die Musik gemacht hätten?
Ja, auf jeden Fall. Viele Filme. Natürlich Science-Fiction-Filme, wie zum Beispiel „District 9“ – ein großartiger Film, den ich erst vor kurzem gesehen habe. Auch alle David-Lynch-Filme, Spielberg, aber auch deutsche Filme, zum Beispiel von Wim Wenders. Ich war auch sehr froh mit Volker Schlöndorff und Peter Fleischmann arbeiten zu können, deutsche Regisseure, die ich sehr mag. Es gibt auch viele neue britische und französische Regisseure, bei denen mich eine Zusammenarbeit sehr reizen würde. Für mich ist die Arbeit an einem Soundtrack aber hauptsächlich eine Frage von Teamwork, also den Regisseur zu treffen und die Möglichkeit zu haben, Teil des Projekts zu sein und nicht drei Wochen vor Veröffentlichung von der Produktionsfirma angerufen zu werden und dann die Musik machen zu müssen. Das ist nichts für mich.
Also kann es noch eine Weile dauern, bis es den nächsten Jean-Michel-Jarre-Soundtrack gibt?
Ich bin bereit, aber es kommt sehr auf die richtige Anfrage an. Und zur Zeit arbeite ich eben an dem Soundtrack zu dem Film, den die Besucher der 2010er-Tour in ihrem Kopf selbst erschaffen.
Sie machen nun seit 40 Jahren elektronische Musik. Wie hat sich Ihr Sound in all den Jahre verändert?
Ich würde sagen, es hat eine lange Zeit gedauert, den Sound der 70er zu verbessern. Durch High-Definition in digitaler Musik können wir erst seit fünf oder sechs Jahren mit Vinyl und analogem Sound konkurrieren. Analoger Sound ist wie ein Mädchen mit Make-up und digitaler Sound war lange Zeit ein in Stückchen geteiltes Mädchen. Und ich mag Mädchen mit Make-up lieber. Als die CD kam, war sie von sehr armseliger Qualität. Heute haben wir endlich 192 Kilohertz und 24 Bit – für alle nicht-technischen Leser: also High-Definition, sehr hohe Klangqualität. Wir haben einen guten, warmen digitalen Sound. Das war sehr lange nicht der Fall. Ich denke, der Sound hat sich positiv entwickelt.
Als Sie begannen, elektronische Musik zu machen, war Ihr Sound etwas sehr individuelles und neues. Ihr aktuelles Album „Téo & Téa“ ist eine Mischung aus unterschiedlichen, sehr modernen elektronischen Musikstücken. Wie kommt das?
„Téo & Téa“ war für mich eigentlich nur ein Experiment. Auf der einen Seite war ich daran interessiert, etwas zu produzieren, das näher am Dancefloor ist. Ich glaube aber, elektronische Musik wird seit dem Beginn der 90er als Musik für Tanzflächen verstanden. Nimmst du zum Beispiel Künstler wie Air, Massive Attack oder Portishead, dann siehst du, dass diese Leute alle elektronische Musik fern der Tanzfläche machen! Elektronische Musik ist nicht einfach nur Musik für und von DJs. Es gibt noch eine viel größere Auswahl an elektronischer Musik. Und die moderne und futuristische Art von Computer-Musik ist genau die Musik, die du dir abseits vom Dancefloor anhörst. Viele DJs haben einfach damit angefangen Musik für Tanzflächen zu remixen und wollen jetzt angemessene Musik für abseits der Tanzflächen machen. „Téo & Téa“ war ein Experiment, das mich heute nicht unbedingt weiter interessiert.
Hat denn Musik, die abseits vom Dancefloor gehört wird, eine längere Halbwertszeit?
Ja, Tanzflächen-Musik erlebst du mehr durch den Körper, durch Tanzen, als durch deine Ohren. Es ist eine eher physische als eine Hör-Erfahrung. Das ist der Grund, warum viele Leute im Club Erfolg haben, später aber denken, dass sie Produzenten für Musik werden sollen, die du in deinem Alltag und zu Hause hörst.
Ihr Einfluss auf die französische elektronische Musik ist grundlegend und wegbereitend. Sehen Sie sich auch ein bisschen als Vater von modernen französischen Künstlern wie Daft Punk, Justice oder Cassious?
Nicht als Vater, weil ich mir das nicht anmaßen würde. Ich denke aber, dass ich schlicht viele Türen geöffnet habe. Ich kann mich glücklich schätzen, meine Arbeit und meine Karriere zu einer Zeit begonnen zu haben, als nichts an elektronischer Musik existiert hat. Die Leute meiner Generation haben alle jungfräuliches Territorium erforscht. Wer heute anfängt, elektronische Musik zu machen, oder auch Rockmusik, startet sehr alt. Das heißt mit einem großen Erbe von 40, 50 vergangenen Jahren. Das ist schon heftig. Natürlich hat das viele gute Seiten, aber auch viele schlechte. Auf jeden Fall gibt es heute nicht mehr diese Unschuld und Jungfräulichkeit. Ich bin Inspiration und Einfluss für viele verschiedene Leute, bin aber selber heute auch von deren Arbeit inspiriert. Ein positiver Austausch, würde ich sagen.
Was kann der Nachwuchs von Ihnen lernen?
Ich denke wahrscheinlich die Arbeit mit Texturen, Sounds und wie man Strukturprobleme lösen kann. Aber auch, sich Musik aus verschiedenen Perspektiven anzunähern. Zum Beispiel nicht nur mit der Perspektive Tanzfläche.
Und was können Sie von ihnen lernen?
Den Gebrauch von Groove und den Fakt, dass viele von ihnen sich von einem Haufen Dinge aus Pop, Rock und Rap inspirieren lassen – dass sie einen Mix aus allem machen, was in den letzten 40 Jahren passiert ist, und damit etwas sehr Frisches erzielen. Das ist eine sehr gute Ideenquelle und Denkanregung für mich.
Was glauben Sie, wohin sich elektronische Musik weiterentwickelt? Wo steht sie in der Zukunft?
Sie wird definitiv organischer, weniger finster und digital, mehr ein Hybrid zwischen Digital und Analog. Es ist schon komisch heute die ganze Software zu sehen, die analoge Instrumente immitiert und emuliert, sogar den Look nachempfindet. Ich sage also: Warum nicht gleich die Originale nehmen und für Computer pure digitale Konzepte entwickeln. Denn es gibt Dinge, die digitale nicht können, aber auch Dinge, die nur ein Computer kann. Ich denke diese Mixtur und Brücke zwischen der analogen und der digitalen Welt könnte in der Zukunft viel interessante Musik hervorbringen.
Sie haben an den Pyramiden, der Akropolis und dem Eiffelturm gespielt. Kann man das noch toppen?
Meine kommende Tour soll all diese großen Konzerte in einen kontrollierbareren Rahmen bringen. So können zum Beispiel auch Regen und Wind vermieden und in einer intimeren Umgebung das totale Eintauchen in Licht, Sound und Grafiken gemeinschaftlich genossen werden. Es ist ein sehr besonderes Projekt zwischen Veranstaltungsort und Publikum, in dem das Spektakel älterer Konzerte in ein kontrollierteres Ganzes gebracht wird. Eine sehr einmalige und spannende Erfahrung.


Gibt es einen unerfüllten Konzertwunsch? Wo würden Sie gern mal auftreten?
Im Weltall wäre großartig, in einer Raumstation. Das wäre eine gute Idee. Auf der Erde gibt es auch noch sehr viele Plätze. Das Projekt, an dem ich derzeit arbeite, ist für mich gerade sehr interessant, denn viele Menschen sind oft hunderte oder auch tausende von Kilometern zu meinen Konzerten gekommen. Jetzt bin ich dran, verschiedene Teile zum Beispiel von Deutschland zu bereisen. Das ist sehr spannend für mich. An Deutschland habe ich ohnehin sehr viele besondere Erinnerugen. Als Kind habe ich oft Teile meiner Familie in Berlin besucht. Außerdem ist Deutschland ein sehr wichtiges Land für die Entwicklung elektronischer Musik. Frankreich und Deutschland sind die Länder, in denen alles angefangen hat. Es ist also eine große Ehre und ein Privileg, dieses Projekt  in Deutschland zu präsentieren.
Haben Kraftwerk Sie damals inspiriert? Oder lief die Entwicklung parallel?
Ich denke es gab eine unabhängige parallele Entwicklung. Ich hatte immer viel Respekt vor Kraftwerk, aber wir hatten unterschiedliche Herangehensweisen. Sie mehr robotisch, ich mehr organisch, sinnlich. Wir haben mehr oder weniger zur selben Zeit angefangen, aber damals gab es kein Internet oder sowas, womit wir einfach kommunizieren konnten.
Hatten Sie denn Kontakt zueinander?
Zur Anfangszeit gab es keinen richtigen Kontakt. Elektronische Musik war sehr underground und kein Teil der offiziellen Musik-Szene. Wir saßen demnach alle in unseren Laboratorien und Studios in unser eigenen Welt. Es war nicht so einfach sich zu vernetzen wie in der damaligen Rock'n'Roll-Szene.
Später haben Sie sich aber kennengelernt?
Ja! Ab und zu und an den verschiedensten Orten. Ich hätte wirklich gern etwas aufgebaut, an dem wir alle zusammen hätten arbeiten können. Vielleicht kommt das ja irgendwann noch mal.
Ihr Album „Music for Supermarkets“ wurde nur ein einziges Mal gepresst. Als es im Radio lief, haben Sie dann zum Mitschneiden aufgerufen. Später haben Sie große kommerzielle Projekte wie den iMac unterstützt oder mit Swatch gearbeitet. Wie passt das zusammen?
Eigentlich war „Music for Supermarkets“ ein Protestakt gegen die Industrialisierung von CDs, die wie Joghurt und Zahnpasta in Supermärkten verkauft wurden, in einem sehr hässlichen Stück Plastik, überhaupt nicht sexy. Ich wollte damit sagen, wir sollten die Unterstützung von Musik respektieren und bedenken. Zum Beispiel in Form von Vinyl. Einfach etwas attraktiveres, als dieses Stück Plastik. Und ich wollte sagen: Passt auf! Eines Tages stirbt die Musikindustrie daran und bedauerlicherweise hatte ich recht.
CD's brennen kann heute jedes Kind. Was halten Sie von Mp3s, Downloads und so weiter?
Ich bin Sprecher von IFPI [International Federation of the Phonographic Industry - Wahrung der Urheberrechte, Interessenvertreter der Phonoindustrie gegenüber der Politik, Bekämpfung von „Musikpiraterie“] in Brüssel. Ich habe vor ein paar Jahren das europäische Parlament dazu aufgefordert, eine Art Regulierung zum Schutz von Urheberrechten für Musiker durchzusetzen, auch im Internet. Heute werden immer häufiger die Falschen gejagt. Die Gesellschaft jagt Kindern hinterher und sagt ihnen ihr seid die Bösen und ihr macht die illegalen Sachen. Aber eigentlich ist es anders. Wenn du Radio hörst, hörst du es umsonst. Niemand sagt dir, dass du etwas Illegales machst. Schaust du einen Film im Fernsehen, siehst du ihn mehr oder weniger für umsonst, keiner sagt, das sei verboten. Warum ist das so? Weil die Rechte von den Sendern gekauft wurden, bevor du die Musik im Radio hörst. Die Lösung ist also, Internetprovider dazu zu bringen zu zahlen. Diese verdammten Riesenkonzerne machen Milliarden von Dollar hinter unserem Rücken und sind sehr fein raus in ihrer Grauzone und sagen, ihr solltet die Kinder verurteilen, denn die sind die Bösen. Das sind sie aber keineswegs. Die machen hinter unserem Rücken den Reichtum. Das ist der eigentliche Skandal und das eigentliche Problem. Die müssen endlich wie alle Radio- und Fernsehsender behandelt werden. Das würde alles rekalibrieren und mithelfen die Krise zu lösen.
Ein ziemlich großes Problem...
Absolut. Aber eigentlich nicht. Ziemlich einfach sogar: Die müssen zahlen (lacht)!
Man kann sagen Sie sind ein Megastar, dennoch hört man von Ihnen nichts in der internationalen Klatschpresse. Mögen Sie das Leben als Prominenter nicht?
Ab und zu liest man etwas über mich, aber ich versuche das zu vermeiden, denn ich finde das nicht sonderlich interessant. Ich versuche meine Privatsphäre zu behalten und mich von den Paparazzi fernzuhalten (lacht).

Vielen Dank für das Interview!

Termin 3.3. 
Ort Volkswagen Halle (BS)
Web www.jeanmicheljarre.com

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