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Die Guano Apes sind wieder vereint

Von der Zeit beeinflusst ...

Mit „Open Your Eyes“ erspielten sich die Göttinger Guano Apes 1997 schnell Weltruhm. 2006 trennte sich die Crossover-Combo mit einem letzten Gig in Braunschweig, um sich 2009 wieder zu versöhnen und mit ihrem neuen Album „Bel Air“ wieder die Chartspitze zu rocken. Wir sprachen mit Sängerin Sandra Nasic.


Sandra, würdest du sagen, dass der Musikmarkt heute ein anderer ist als zu der Zeit, als ihr angefangen habt?

Definitiv. Allein durch das Internet hat sich wahnsinnig viel geändert. Ich möchte heute ehrlich gesagt gar nicht anfangen müssen, Musik zu machen. Durch das riesige Angebot im Internet kommt man gar nicht mehr richtig an die Hörer, zumindest ist das sehr, sehr schwer geworden. Auch was die Alben angeht, hat sich das Verhalten stark verändert. Die Leute klicken heute durch das Internet und laden sich bestenfalls Singles runter. Nur selten ist die Liebe, diese Albumromantik noch zu spüren, wie wir sie damals selber gespürt haben. Heute sind so viele Bands draußen unterwegs, es kommt mir auf jeden Fall mehr vor als früher. Der Markt ist wahnsinnig überschwemmt. Das ist schlechter für den Musiker, aber irgendwo auch besser für den Hörer.  

Ihr zählt allerdings selbst zu einer der ersten Bands, die sich das Internet zunutze gemacht haben. Wie wichtig war euch das zu dieser Zeit?
Sehr wichtig. Wir hatten einfach Glück, direkt in unserem Umfeld Leute zu haben, die ihren Fuß schon sehr früh in diese Tür reingestellt haben. Das Internet war damals ein völlig neues Medium und es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht, mit diesem Medium zu spielen. Außerdem hat man direkten Kontakt mit den Fans, mit den Hörern gehabt, was vorher eher schwierig gewesen ist. Es gab tatsächlich mal Zeiten der Fanpost, das muss man sich mal vorstellen. Als die Plattenfirmen Post bekommen haben von Fans (lacht). Das hat sich komplett gewandelt, aber ich finde das eigentlich auch ganz schön, weil man heute dafür die direkte Reaktion der Hörerschaft hat. Das finde ich spannend.

Wie viel Zeit habt ihr, persönlich auf Mails oder Foreneinträge zu antworten?
Das haben wir immer schon gemacht und wir machen es auch gelegentlich noch. Wir haben eine hartgesottene Fangemeinschaft, die aus vielleicht 15 Leuten besteht und die überall mit hinkommen.Wirklich überall. Und die kümmern sich mittlerweile schon um den Rest der Fans. Wir verteilen also sogar schon Aufgaben unter den Fans. Mit denen haben wir natürlich regen Kontakt.

Sind das noch die gleichen Leute wie vor zehn Jahren oder hat sich die Hörerschaft gewandelt?

Was den harten Kern betrifft, sind es immer noch dieselben Leute. Aber dadurch, dass wir jetzt viel im TV gelaufen sind und mit Pro Sieben eine tolle Werbeplattform hatten, hat sich die Hörerschaft auch erweitert. Wir sehen viele neue Gesichter. Das ist eigentlich das Schönste für uns, wenn man den Punk neben der Mutti sieht, neben dem 14-jährigen Mädchen den Opa.

Wo siehst du in der Region musikalisches Potential?
Tatsächlich war damals für mich Braunschweig interessant, wo ich viele Musiker kennengelernt habe. Die Musikszene florierte in Braunschweig einfach ein bisschen besser. Natürlich gibt es auch in Göttingen eine Musikszene, aber die ist halt sehr, sehr klein. Braunschweig und Hannover haben ein bisschen mehr hergegeben.

Ist das heute immer noch so oder hat sich die Musikszene mehr auf die ganz großen Städte verlagert?
Ich bin selber gar nicht mehr so oft in Niedersachsen. Aber ich glaube, durch das Internet hat sich allgemein viel in Richtung elektronische Musik verlagert. Es gibt überall weniger Rockbands, die sich treffen und gemeinsam spielen, sondern allgemein mehr Einzelgänger, die allein in ihrem Kämmerlein an ihren Beats basteln. Und dann ist auch fast egal, wo sie herkommen.

Ein großer Karriereschub war damals für euch der 1996 ffn-Bandwettbewerb „Local Heroes“. Wie hast du das damals erlebt?
Ich kann mich noch erinnern, als wäre es gestern gewesen (lacht). Wir haben uns damals wirklich gewünscht, wir würden gewinnen. Ich hatte ein ganz gutes Gefühl, aber es waren viele gute Bands dabei. Wir haben einfach Glück gehabt, dass wir die Leute von uns überzeugen konnten. Solche Bandwettbewerbe sind eine ganz wichtige Sache, davon sollte es eigentlich sogar noch mehr geben.

Also würdest du solche Wettbewerbe allen Nachwuchsmusikern empfehlen?
Auf jeden Fall. Alles machen. Die Bühne ist das wichtigste Instrument für Musiker. Wenn sowas dann auch noch gefördert wird, dann muss man das als Band eigentlich sogar machen. Sonst spielt man sich den Arsch ab. Es gibt so viele gute Bands da draußen, die auch mal eine größere Bühne verdienen vor einem größeren Publikum.

Euer letztes gemeinsames Konzert vor eurer Trennung habt ihr 2006 in Braunschweig im Jolly Joker gespielt. Wie habt ihr den Abend erlebt?
Es war gar nicht schlimm. Ich habe das damals, wenn ich ehrlich bin, sogar als befreiend empfunden, weil das quasi für uns ein Abschluss unserer gemeinsamen Reise gewesen ist. Alle unsere Freunde und Familienangehörigen waren da. Es war natürlich auch ein bisschen traurig, aber wir haben trotzdem noch mit Sektgläsern angestoßen. Wir wussten, es war erstmal Zeit, dass jeder etwas anderes macht. Sonst wäre es unglaublich langweilig und nervig geworden. Das kriegen dann auch die Leute draußen mit und das muss man sich einfach nicht antun. Es war also eigentlich ein sehr relaxter Abend für mich.

Wer ist dann nach drei Jahren auf wen zugekommen, um das ganze Projekt nochmal anzustoßen?
Das war unser Bassist Stefan Ude. Er hat einfach irgendwann die Initiative ergriffen. Und er kann sehr forsch und sehr überzeugend sein. Er geht einfach gleich mit dem Kopf durch die Tür und geht Sachen mit einer Art kindlicher Naivität an. Es war einfach der richtige Zeitpunkt, wieder zusammen Musik zu machen. Wir hatten lange genug andere Sachen gemacht und alle eine Pause, um Luft zu holen. Von daher hat es sich für uns alle gut und richtig angefühlt, wieder zusammen weiterzumachen.

Wie wichtig waren euch die neuen Produzenten, das neue Team hinter dem Album „Bel Air“?

Ganz wichtig. Für mich eigentlich sogar Bedingung, dass wir uns komplett lösen vom alten Umfeld. Wir wollten auch musikalisch neu anfangen. Dazu gehört eben auch ein neues Umfeld. Wir haben mit einem neuen Management und vielen guten Leute zusammengesessen, viel geredet. Und das waren die richtigen Leute. Auch was die Produzenten angeht, haben wir die richtigen getroffen, da wir einen komplett neuen Ansatz finden wollten. Das ist uns gelungen, mit dem Dänen Jon Schumann haben wir einen wirklich guten Griff getan.

Wir würdest du den Sound von „Bel Air“ beschreiben?
Er klingt auf jeden Fall nicht mehr so wie früher. Wenn man von einem typischen Apes-Sounds reden kann, dann klingt es schon danach. Man kann es immer noch raushören. Aber wir sind auch spielerisch mit neuen Elementen umgegangen. Es klingt halt nach „Apes 2011“. Es hat Rock und neue Elemente, auch modernere Tanzelemente.Wir lassen uns natürlich auch von der Zeit beeinflussen. Das kann man auch an der neuen Platte der Red Hot Chili Peppers sehen. Die haben sich auch sehr von der Zeit beeinflussen lassen. Aber das ist auch gewollt.

Weshalb habt ihr euch gerade für den Titel „Bel Air“ entschieden?
Es hat so gepasst. Wir haben es und zur Tradition gemacht, dass wir die Albentitel irgendwo aus meinen Texten herauspicken. Diesmal haben wir ihn aus der Single „Oh What A Night“ ausgewählt. Das hat einfach als Überschrift ganz gut gepasst zum kompletten Neustart der Band, auch vom Gefühl her. Es hat eine gewisse Leichtigkeit, die sich in den Wörtern widerspiegelt. 

Ist „Bel Air“ auch ein Wink, nun die USA zu erobern?
Überhaupt nicht (lacht). Ganz im Gegenteil, ich habe überhaupt nicht vor, die USA zu erobern. Wir waren zweimal da und das hat mir eigentlich gereicht. Ich muss nicht nochmal für ein paar Monate dorthin. Zumal wird von einer deutschen Band, von jeder Band überhaupt, die in Amerika Fuß fassen will, verlangt, dass man gleich ein komplettes Jahr drüben bleibt, damit man anständig arbeiten kann. Das hat man uns auch vorgeschlagen, aber wir haben dankend abgewunken, weil wir in Europa unseren Sitz haben und Europa doch auch eigentlich ganz schön ist. „Bel Air“ als Titel ist irgendwo natürlich ein Wortspiel mit dem American Dream, aber eigentlich geht es mir nur um die Leichtigkeit dahinter. Es ist etwas Spielerisches damit gemeint und ich finde, Hollywood und Amerika sind ohnehin ein Spielplatz der Egozentriker und der Verliebtheit und des schönen Scheins. Damit spielen wir gerne, in meinen Text geht es auch oft darum, dass man sich im Leben oft den schönen Schein bewahren muss.

Wie viel Schein steckt in der Musikindustrie selbst?
Das ist eine gute Frage, denn man muss als Künstler immer wirklich aufpassen, dass man den eigentlich schönen Schein, wenn man sich ins Studio begibt und in die Klangwelten begeben darf, dass einem das durch das Business nicht kaputtgemacht wird. Denn es steckt viel Arbeit hinter dem Job als Musiker. Mann muss auf Tour gehen, man hat viele Termine, wenn es gut läuft, und teilweise ist so eine Tour wirklich Schwerstarbeit. Da muss man aufpassen, dass man gedanklich nicht in eine solche Maschinerie reinstolpert. Man muss schon versuchen, sich seinen musikalischen Traum immer zu bewahren. Das ist ein Schatz, aus dem man schöpfen muss.

Habt ihr mit Platz 1 für „Bel Air“ gerechnet?
Rechnen kann man mit gar nichts im Leben. Man kann nur darauf zu arbeiten und wenn es dann aufgeht, dann sind alle glücklich.

Ihr habt in vielen verschiedenen Ländern Konzerte gespielt, unter anderem sogar in Sibirien. Wie haben euch diese Reisen geprägt?
Ich habe die deutschen Straßen wieder einmal schätzen gelernt (lacht). Es waren auf jeden Fall viele tolle Länder dabei, in die wir reisen durften. Gerade Sibirien ist auch ein sehr spezielles. Wir lieben es zum Beispiel auch, die verschiedenen Küchen auszuprobieren, suchen den kulinarischen und kulturellen Kontakt, indem wir mit den Veranstaltern möglichst oft in die City fahren und mit Leuten reden. Verschieden Sachen, damit wir auch aus dem Haus gehen können. Und nicht nur wie ein Berufssportler ins Hotel, Koffer auspacken, die Show abziehen und dann wieder nach Hause fliegen. Wir versuchen das immer mit dem Schönen zu verbinden.

Was war der bizzarste Ort, an dem ihr bisher aufgetreten seid?
Da gab es einige. Aber ich denke, ich spreche für uns alle, wenn ich einen Auftritt irgendwo in Deutschland nenne, ich weiß leider nicht mehr genau, wo. Da haben wir in einem ganz tiefen Bunker gespielt, wo es überhaupt keine Zu- bzw. Abluft gab. Alle haben dort geraucht. Und fast alle sind kollabiert. Oder irgendwo bei Kassel haben wir in einem Café in einem Haus gespielt, wo man irgendwo durch eine Bodenklappe über eine kleine Holztreppe in einen Nebenkeller steigen konnte. Dort haben wir auch ein Konzert gespielt. 

Ihr reist um die ganze Welt und du nennst mir ausgerechnet zwei Orte in Deutschland …
Naja, gerade in den Anfängen erlebt man ja einige skurrile Sachen, die einem dann später in dieser Form nicht mehr begegnen dürfen. Und so ein Lehmkeller ist schon echt was besonderes.

Du hast mit DJ Tomekk einen Ausflug ins Hip-Hop-Genre gemacht, hast für Apocalyptica gesungen. Wie wichtig ist für dich diese musikalische Grenzüberschreitung?
Sehr, sehr wichtig. Ich begreife Musik als Ganzes und habe mich schon früh für verschiedene Stilrichtungen interessiert. Vor den Apes habe ich mehr oder weniger Hip-Hop gemacht. Von daher bin ich da sehr offen. Ich will mein Hirn füttern und für einen selber ist es total interessant, sich mit anderen Musikern auszutauschen und auch mal was ganz anderes zu machen.

Der Begriff „Crossover“ war jahrelang ein rotes Tuch in der Musikszene. Nun gab es mit den Guano Apes, Limp Bizkit oder den Emil Bulls erfolgreiche Comebacks in diesem Bereich. Kann es eine Art Comeback des Crossover geben?
Der Begriff selbst wird bestimmt kein Comeback erleben. Aber die Bands von damals, die heute neu anfangen oder weitermachen wollen, die sind immer da. Faith No More machen auch noch Musik, die Red Hot Chili Peppers gibt es auch noch, und die machen im weitesten Sinne auch Crossover. Solche Bands wird es immer geben. Ob sie Erfolg haben oder nicht, das liegt in den Sternen. Wenn man als Band noch Lust hat, gemeinsam Musik zu machen, eine Tour zu machen, dann geht es immer weiter.

Wie bewertest du im Rückblick heute deine Solokarriere?
Sie war auf jeden Fall für mich ziemlich wichtig. Ich hatte genügend Zeit, ohne dass mir irgendjemand im Nacken sitzt, Musik zu machen, zu komponieren und zu produzieren. Und mir die Zeit dafür zu nehmen, denn das war früher leider nie so. Zeitdruck ist manchmal sicher ganz gut für einen Künstler, aber für mich war es damals leider so, dass ich mir immens viel Zeit lasse. Ich konnte dadurch wahnsinnig viel lernen.

Ist es für dich mit dieser Freiheit leichter, Musik zu machen, oder hat es auch Vorteile, mit einer Band zu arbeiten, die eigene Ideen mit einbringt?
Beides ist wichtig. Es muss schon eine Balance geben. Bei uns ist es gar nicht der Fall, dass wir alles demokratisch entscheiden, es kristallisiert sich in der Zusammenarbeit miteinander sowieso eine Entscheidung heraus. Wir müssen nicht groß diskutieren, weil die Meinungen irgendwann konform laufen. Natürlich gibt es auch Songs, mit denen man nicht zufrieden ist, aber das ist nun mal so, wenn man zusammen Musik macht. Aber es überwiegt, dass wir bei den meisten Songs einer Meinung sind. Jeder kann auch seine eigenen Songs mit reinnehmen. Und wenn einer mit irgendwas gar nicht leben kann, dann wird es auch nicht genommen.

Wie lange kannst du dir vorstellen, den Rock'n'Roll-Traum zu leben?
Das weiß ich gar nicht. Vielleicht für immer. Vielleicht nicht. Und wer sagt denn, dass man mit Reihenhaushälfte und Familie den Rock'n'Roll nicht leben kann? Guck die die Rolling Stones an, die haben alle glaube ich sogar mehr Familien als eine. Das eine schließt das andere überhaupt nicht aus. Man muss einfach nur Lust darauf haben. Und die haben wir.

Würdest du heute etwas anders machen?

Wenn ich mich so zurückerinnere, hätte ich früher schon leichte Pausenphasen mit der Band machen können. Wir haben damals so lange weitergemacht, bis dann der Knall kam. Das sollte man sich als Band ersparen. Wenn man ein bisschen kommunikativer in der Band gewesen wäre, hätten wir wohl einfach früher eine Pause gemacht. Wie bei einer Beziehung, bei allem, das in Gruppenarbeit entsteht. Gerade wenn man dann auch noch so viel und so lange unterwegs ist, merkt man das erst oft auch gar nicht, dass man eigentlich auch mal eine Pause bräuchte. Man ist ja ständig am Machen und am Tun. Und wir waren wahnsinnig produktiv und sehr viel unterwegs. Das merken aber viele Leute erst relativ spät. Das würde ich heute anders machen.

Was erwartet eure Fans von eurer neuen Tour?
Ziemlich viele gute neue Songs, 'ne tolle Show, und viel Schweiß. Aber nicht unserer.


Termin    8. Februar 2012
Ort    Capitol (H)
Web    www.guanoapes.de

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