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Tocotronic krachen mit »Schall & Wahn« auf Platz 1

Rauschhafte Zustände

Von dem rumpelnd-scheppernden Debut „Digital ist besser“ reiften Dirk, Jan & Arne von den Tic, Tric & Trac der deutschen Indielandschaft mit Rick McPhail nicht nur zum Quartett, sondern auch zu „Sophisticated Statesmen“ in Sachen guten Gitarren-Pops. In ihrer Stellung in Deutschland einzigartig, veröffentlichen sie nun ihr 9. Studioalbum „Schall & Wahn“ – SUBWAY fragte bei Sänger, Gitarrist & Texter Dirk von Lowtzow nach...

"Schall und Wahn“ gilt als Abschluss der „Berlin-Trilogie".<//span>
Das ist, ehrlich gesagt, ein Scherz auf die Kosten von Herrn Bowie. Wir haben das Album in den Berliner Hansa Studios abgemischt, in denen der größte Teil von David Bowies Berlin-Trilogie entstand. Wie viele Scherze bei uns hat es natürlich auch einen wahren Kern, denn wenn man sich die Mühe machen würde, die drei Platten, die mit Moses Schneider in Berlin entstanden sind, nacheinander durchzuhören, ergibt sich da vom Bandsound eine Reife vom sehr trockenen, dogmatisch aufgenommenen „Pure Vernunft“ über den garagigen Punksound von „Kapitulation“ bis hin zum jetzt opulenten, raumgreifenden „Schall & Wahn“. Insofern fanden wir das eine lustige Klammer. Aber das heißt nicht, dass das nächste Album nicht wieder in Berlin mit Moses Schneider aufgenommen werden könnte.
Den Titel „Schall & Wahn“ hat Faulkner von Shakespeare`s „Macbeth“ entlehnt...
Der Monolog von Macbeth ist sicher auch eine Art Beschreibung des Lebens als Theater.
"All the world`s a stage…“!?
Genau, und die Platte hat ja auch eine gewisse Drastik, Dramatik und Theatralik, uind das hat uns mehr interessiert als der Nihilismus, und natürlich auch das Rauschhafte, wenn man sich da reinsteigert.
Der künstlerische Akt des Schöpfens ist ja per se schon dem Nihilismus gegenübergesetzt.
Ich verstehe auch die Frage nich: „In welcher Stimmung wart ihr denn, als ihr diese traurigen Lieder geschrieben habt?“, denn wenn man etwas schreibt, ist man ja schon immer in einer ganz positiven Stimmung. Wie das dann inhaltlich ist, spielt dann keine große Rolle. Man sollte nicht vom Inhalt der Lieder auf die geistige Verfassung der Autoren schließen, das greift zu kurz.
Ihr mögt live eine gewisse Routine...
Wenn man auf der Bühne nicht mehr nachdenken muss, was man macht, führt das immer zu den besten Ergebnissen. Das Lied „Schall & Wahn“ verfolgt ja auch die Idee des Musizierens als intransitives Verb, also etwas, das mit einem geschieht, eher als dass man es praktiziert. Diese Automatismen finden wir ganz schön. Bei den meisten Bands, die ich kenne, ist es so, dass die meistens das gleiche spielen, und diese Reihenfolgen zu erstellen ist auch gar nicht so leicht.
Erlebst du „Schall & Wahn“ dann regelmäßig bei Konzerten?
Ich kenn das schon sehr gut, dass man da in einen rauschhaften Zustanden gerät. Das klingt natürlich schnell nach Künstlerkitsch, aber wenn der Abend gut ist – auch die banalen Umstände wie Raum, Sound, äußeren Umstände, Tagesform – und das ist eigentlich oft, dann ist unsere Musik schon dazu angetan, das zu erreichen.
Dennoch hat sich Eure Musik in den Jahren unglaublich verfeinert, auch durch das Gitarrenspiel von Rick.
Das freut mich sehr, und so eine Verfeinerung interessiert uns auch mehr als ein permanenter Stilwechsel: Erst eine Platte Reggae, dann Krautrock und vielleicht noch Flamenco. Das führt auch zu Beliebigkeit und Selbstüberschätzung, man könne sich jeden Stil aneignen. Wir beschränken uns auf das Genre, das wir kennen, und probieren da die Ränder auszudehnen.
Gleichzeitig wird Innovation ja immer gefordert.
Im musikalischen Bereich viel stärker als woanders. Bei The Fall z.B. ist es ja aber gerade gut, dass sie sich nicht so verändern. Auch bei einem Schriftsteller wie Thomas Bernhard. Das kann ja auch ein sehr interessantes Stilmittel sein – Kann Innovation auch, aber die kann auch irrsinnig nerven.
Bei den Texten der letzten Alben finden sich konstante Fäden: „Macht es nicht selbst“ erinnert an das Aufrührerische in „Sag alles ab“, ist aber sehr komplex: Es vereint die Toco-Tradition des Dagegen-Seins mit einer gepflegten Dandy-Haltung und auch der dem Rock typischen Rebellion gegen konservative Moral.
Das muss ich mir merken! Als Musiker reflektiert man das ja zunächst nicht in dem Maße wie der Kritiker, und es macht Spaß, das eigene Werk dann gedeutet zu bekommen!
"Stürmt das Schloss“ beinhaltet ja auch Bezüge zur Französischen Revolution, zu den 68ern und auch zu DSDS – sehr komplex und durchdacht, möchte man meinen…
Ja, klar (lacht). Oft geschehen diese Bezüge aber auch zufällig, wie zwischen SDS und DSDS, woran ich überhaupt keinen Gedanken verschwendet hatte. Wenn man dann noch ein Wort wie Superstar einbaut… Grundsätzlich: Wenn man an so was Spaß hat, wunderbar, wenn man einfach nur zuhört und das nicht so exegetisiert – auch schön!
Diese Auseinandersetzung mit Wahn und Schizophrenie ist auf „Kapitulation“ und auf der letzten Phantom/Ghost-Platte angelegt. Wie wurde das so ein interessantes Thema für sich?
Ich glaube, dass man das auch ein bißchen als Chance begreift, diese Aufspaltung der Persönlichkeit in verschiedene autonom voneinander existierende Heteronyme. Dieser biblische Ausdruck „in Zungen reden“, Besessenheit, dass jemand anders durch einen spricht – das finde ich als Techniken, die gegen dieses eingeforderte tautologische „ich bin ich“ und die Authentizität eingesetzt werden können, interessant. Bei den 12 Stücken des Albums redet schon immer ein bißchen wer anders. Das finde ich besser als immer zu betonen „Alles was ich mache bin 100% ich!“. Viele arbeiten ja damit, aber ich splittere mich lieber in verschiedene Stimmen auf. Man hat auch oft etwas länger was davon, wenn Dinge verschiedene Schichten und Facetten haben. Ist sicherlich auch Geschmackssache.
Das Album hat mit zwei 8 Minuten-Stücken eine sehr schöne musikalische Klammer; es beginnt untypisch und nimmt einen mit seinen Gitarrenexkursionen dann gleich auf eine schöne, schräge Reise mit.
Wir denken ja so ein bisschen anachronistisch immer noch im Albumformat, und dieses Album ist sehr suggestiv und zieht einen herein, was glaube ich eine seiner Stärken ist. Was die Leute dann auf ihrem iPod daraus machen, müssen sie selbst wissen.
"Bitte oszillieren Sie“ assoziiert „Oscillate Wildly“, eines der wenigen Instrumentals der Smiths, und natürlich Oscar Wilde.
Und von Wilde ist man schnell bei Hubert Fichte, von dem dieser Ausdruck „Bumms und Bi“ entlehnt ist, und der auch einen sehr aufgesplitterten Ansatz verfolgt hat. Wir fanden auch eine gewisse Albernheit ganz schön, weil gerade deutschsprachige Musik so eine pathetische, ernste Angelegenheit geworden ist.
Die „Krieger des Lichts“ sind unterwegs…
(lacht) Als Beispiel! So eine gewisse Albernheit, Kichern, etwas pubertär, finde ich wahnsinnig toll und beugt auch einer breitgetretenen Melancholie vor, die ja auch etwas Kontrarevolutionäres hat. Der Witz hat ja schon eine subversive Kraft. Und diese Albernheit war sehr befreiend für uns.
Wie wollt ihr die Orchesterparts live umsetzen?
Wir haben bei den Stücken von vornherein darauf geachtet, dass die auch ohne funktionieren können. Das ist eine praktische Sache, und so Metallica-mäßig, Band mit Orchester, finde ich auch immer prätenziös. Ich fand das super, mit Thomas Meadowcroft zusammenzuarbeiten, weil man überhaupt nicht wusste, wohin das führt – er kommt von der Neuen Musik, Avantgarde, und man musste sich darauf einlassen, was der macht. Es gibt die Stücke von der Bandseite und dann von seinem Verständnis her, und zum Glück passte das zusammen. Wir wollten vermeiden, dass einfach nur die Band spielt und obendrauf gniedeln noch ein paar Streicher.

Termin 14.4. 
Ort Capitol (H)
Web www.tocotronic.de

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